Maria und ich

Beim Bummel durch das heiße Venedig eine Abkühlung suchen - und eine besondere Begegnung erleben. Ein Protokoll.

 

Wenn es heiß ist in Venedig, die Luft feucht und schwer in einer Dunstglocke über der Lagune liegt und das Sommerkleid nass am Körper klebt, dann gibt es kaum Schöneres als in eine kühle, hohe Kirche zu gehen. An diesem Tag im Juni sind die Kinder, unternehmungslustig wie immer, mit ihrem Papa mit dem Schiff zum Lido unterwegs, sie wollen baden. Mitten in einem quirligen Familienurlaub bin ich einen Tag glücklich allein. Ich kann tun und lassen, was mir in den Sinn kommt.

 

 

So lasse ich mich treiben und komme schließlich an der gotischen Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari vorbei. Ihre Fassade wirkt schlicht und bescheiden, aber ich habe gelesen, dass sie innen überraschend reichhaltig ausgestattet sein soll und die Grabstellen Tizians und einiger Dogen der Republik Venedig hier sind. Mehr auf der Suche nach einem schattigen Platz als aus echtem Interesse an sakraler Kunst gehe ich hinein. Ja, da ist das berühmte, Maria glorifizierende Altarbild von Tizian, auf dem sie, umrahmt von dicklichen Engeln, gen Himmel fährt. Na ja, da sind die pompösen Marmorgrabmäler der Dogen, mit denen diese in der Kirche posthum ihre weltliche Macht demonstrieren wollten. Etwas gelangweilt gehe ich weiter. Überraschend tut sich in der Basilika noch ein Seitenraum auf. Mildes Licht fällt durch gotische Fenster, in den Strahlen ein Altar, ein Triptychon. Links und rechts stehen je zwei Heilige und in der Mitte sitzt, ganz weich und gelöst, eine junge Frau. Sanft hält sie das Kind, das auf ihren Oberschenkeln steht.  

 

 

Meistens mag ich Madonnen nicht. Die Bilder holder Weiblichkeit und überhöhter Mütterlichkeit, die mit ihnen befördert werden, sind mir eher unsympathisch. Aber diese junge Frau hier ist anders. Ruhig, sanft und selbstbewusst sitzt sie da. Unter ihrem tiefgründig blauen Schutzmantel trägt sie ein rotes Gewand. Das Kind hält und stützt sie locker – gleich wird es seine ersten Schritte tun. Ich schaue der jungen Maria ins Gesicht – und da, was ist das? Sie schaut zurück! Mir stockt der Atem, wie festgenagelt bleibe ich stehen. Ich bin baff. Dann schwirren Gedanken durch meinen Kopf. So etwas gibt es doch nicht – oder? Fange ich an zu halluzinieren? Sind das Visionen?

 

Die Madonna schaut jedes Mal ruhig und mild zurück, wenn ich – unsicher und verwirrt – sie betrachten will. Aber allmählich werde auch ich ruhiger und setze mich auf eine der Holzbänke. Nur wir zwei sind hier an diesem schwülen Hochsommernachmittag. Immer wieder begegnen sich unsere Blicke. Ich schaue sie an. Sie schaut mich an. Wir sehen uns. Ich bin gesehen.

 

 

Manchmal versuche ich, meinen Verstand zu aktivieren, suche nach rationalen Erklärungen. Ist das die Wirkung einer besonderen Kunstfertigkeit des Meisters Giovanni Bellini, der diesen Altar schuf? Später habe ich gelesen, dass er damals, vor über 500 Jahren bestimmte, dass diese Madonna nur hier, in diesem Seitenraum, der früher die Sakristei beherbergte, stehen darf. Dass sie niemals an anderer Stelle der Kirche oder in ein Museum verfrachtet werden darf. Aber warum, was wollte er damit, was wusste er?

 

 

Eine Gruppe von Touristen kommt lärmend in die Kirche. Eine Fremdenführerin erklärt auf Englisch mit schroffem italienischem  Akzent schnell mal alle Kunstschätze, die es in der Basilika gibt. Mit festen Schritten erobern diese Leute auch unseren Raum. Plötzlich bin ich froh, nicht mehr alleine zu sein. Ob die Madonna auch sie anschaut? Wenn einige aus der Touristengruppe stehenblieben, auch getroffen wären – dann wäre ich ja doch nicht so verrückt. Ja, jetzt kommen sie zum Fenster, in dessen Licht die Madonna steht. Aber sie alle marschieren an ihr vorbei. Dann stürmen hinaus. Die Madonna und ich sind wieder alleine. Es ist still. Lange schaue ich sie an. Lange, zart und sehr freundlich schaut sie zurück. Irgendwann stehe ich auf, falte die Hände vor meiner Brust und verneige mich tief zum Abschied. Wissend schaut sie zurück. Was hier geschah, das bleibt unser geheimnisvolles Rätsel.

 

 

Später, nach dieser Erfahrung in Venedig, ist mir etwas Ähnliches noch passiert, mit sakraler, aber auch mit so genannter weltlicher Kunst. Bis heute bewahre ich den Blick dieser Bilder und ihre stillen, starken Botschaften in meinem Gedächtnis.

 

 

Abends treffe ich meine Familie wieder. Die Kinder erzählen begeistert: Lido super, Wasser warm wie in der Badewanne und tolle Strandbar mit viel leckerem Eis. Und was hast du so gemacht, Mama? Ich war in einer Kirche. Oooooch…. Ich habe dort eine Madonna gesehen. War sie schön? Ja. Besonders schön.