Der liebevolle Blick

Achtsamkeit ist ein Modewort geworden und oft missbraucht. Leider. Aber mit Übungen zur Achtsamkeit – richtig eingesetzt – kann man eine Haltung von Offenheit, Wertschätzung und Dankbarkeit im Alltag lernen.

 

Sie kommt leicht daher, lässt oft ein Lächeln entstehen und öffnet meine Augen für die Wunder, die in mir und um mich herum geschehen. Die Übung der Achtsamkeit ist einfach und schön – aber nicht immer einfach schön. Sie hält mir den Spiegel vor, wenn ich morgens in der Meditationsübung schon wieder daran denke, was ich im Laufe der  kommenden Stunden alles erledigen soll oder Vorwürfe mache, weil dieses oder jenes hätte besser sein können. Die Übung der Achtsamkeit holt mich freundlich und bestimmt zurück. Jeden Tag atmen, gehen, auf meinen Beinen stehen. Einfach leben und versuchen zu verstehen, dass Gott hinter allem steht. Jeden Tag neu.

 

Achtsamkeit wird nicht nur von denen geübt wird, die meditieren. Auch in Psychotherapien und bei der Behandlung von krankhaftem Stress bekommen Menschen mittlerweile dazu Anleitung. Wie nehme ich mich selbst wahr in meinen Körper? Wenn ich mich mehr öffne für das Leben im Augenblick – bin ich dann ruhiger und gelassener mit mir und anderen, muss ich dann nicht mehr so viel beurteilen und Recht haben? Wenn ich übe, ruhig zu verweilen da wo ich bin, so wie ich jetzt gerade bin – wer weiß, vielleicht macht mich das fröhlich.

 

„Achtsamkeitsbasierte Meditation“ heißen die Übungen zur Achtsamkeit in der Medizin. Es soll weltanschaulich neutral und ohne Religion sein. Die Wurzeln der Achtsamkeitsübungen in der christlichen Mystik und im Buddhismus werden nicht genannt. Schade. Aber wenn Menschen in Lebenskrisen zur Übung der Achtsamkeit finden, sie auch mit ihrer Hilfe gesund werden, ist es nicht wirklich wesentlich, wie sie genannt wird.

 

Erheblich und folgenschwer ist aber, wenn Achtsamkeit – wie es seit einiger Zeit geschieht – von einigen Psychologen, Mental-Trainern und Marketing-Fachleuten als Marktlücke entdeckt und wie ein neu entdecktes Wundermittel angepriesen wird. Für reichlich Geld kann man Seminare besuchen und Vorträge darüber hören „wie Achtsamkeit immer mehr den Weg ins Business findet“ und „wie Achtsamkeit Trainingserfolge verbessert.“ Therapeuten, die mit einem Buch erfolgreich sein wollen, suggerieren, dass Stress und Ängste nicht mehr belasten würden, wenn man nur richtig die Achtsamkeit übt – nach des Buchautors Methode, versteht sich.

 

 

Der moderne Markt für Lebenssinn und Erfolg handelt oft mit falschen Versprechungen. Da wird die Illusion genährt, Unruhe und Nervosität, Ängste und Minderwertigkeitsgefühle ganz einfach los zu werden. Man werde quasi automatisch angstfrei, wenn man nur immer richtig in der Übung und in der Gegenwart bliebe.

 

Niemals ist es so simpel. Wenn ich in der Achtsamkeitsmeditation an meinem Platz bin und im Augenblick verweile, so erfahre ich auch da nicht eine objektive, sondern meine persönliche, subjektive Wirklichkeit. Dazu gehören leider oft auch strenge, selbst-schädliche innere Leitsätze, die in die Überforderung treiben, und Ängste, das alles nicht zu schaffen. Sie stammen oft aus der Lebensgeschichte und kommen aus der Vergangenheit. Heute kann ich meine Gedanken und Gefühle achtsam beobachten, aber nicht einfach „wegmeditieren“. Wenn ich sitze und ein Mensch bin, der viel Stress und Ängste hat, wird mein Geist oft hin und her springen zwischen diesen Unruhezuständen und der Wahrnehmung, dass ich in einem ruhigen Raum jetzt auf meinem Kissen sitze. Im Laufe längerer Übung kann ich länger verweilen bei meinem Körper, beim Atem, bei meiner leibhaftigen Wirklichkeit. Die Zeit, die ich den Szenarien der Angst und Gefühlen der Unzulänglichkeit gebe, kann kürzer werden. Denn ich bin durch die Achtsamkeitsmeditation aufgeschlossen für die Wirklichkeit und erfahre immer wieder, dass meine Befürchtungen umsonst waren, sie nicht oder nur sehr selten eingetreten sind. Vielleicht kann meine Seele das wirklich erst fassen und annehmen mit Gottes Hilfe.

 

Achtsamkeit ist ein Weg, der Zeit, Geduld und Liebe braucht. In der Übung der Achtsamkeit schenke ich mir Zeit, Geduld und Liebe. Damit schaue ich auch meine Unruhe und Sorgen an. Vielleicht begrüße ich sie bald wie alte Bekannte, die ich nicht eingeladen habe und die trotzdem immer wieder kommen. Wie kann ich ihnen klar machen, dass sie nicht mehr erwünscht sind in meinem Haus? Wenn ich andere fröhliche Gäste einlade – gute Gedanken, meinen Glauben, meine Hoffnung – werden die übellaunigen Miesepeter weniger Raum einnehmen, sich in die hinteren Ecken verkrümeln und zuletzt vielleicht weg bleiben.

 

In unserem Meditationskreis singen wir manchmal „Meine Seele sucht nach Dir und Du schaust mich an.“ Ich darf mich gesehen fühlen und mich selbst annehmen: So wie ich bin – ohne Druck, entspannt und mit allen meinen Möglichkeiten. Gott schenkt das Leben mit allen Wandlungen. Ich nehme mir die Freiheit, auch die lichten Seiten des Lebens zu sehen und mich dafür zu öffnen. Das Leben ist schön. Ich übe diese Lebenseinstellung, sie wird mehr und mehr Teil von mir.  Dann kann ich auch die dunklen Seiten des Lebens besser bewältigen – vielleicht mit mehr Gleichmut, Überblick und einer extra Portion Humor. Ich wage es, offen zu sein für das ganze Leben. Weil ich es lebe in Ihm. Jeden Tag neu.

 

Aus: Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen

Themenheft zur Fasten-Aktion 2015

edition chrismon