Auf der Suche nach einer lebendigen Kirche

Mit Offenheit und neuen Angeboten will man verlorenes Vertrauen neu gewinnen

 

Die Diagnose ist klar, aber die Behandlung schwierig, der Erfolg ungewiss. „Eine Vertrauenskrise ist das zentrale Problem“ sagt Martin Wolter, der als City-Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche oft Menschen anspricht, die keinen oder nur noch brüchigen Kontakt zur Kirche haben. „Es ist eine Vertrauens- und Beziehungskrise“ lautet auch die Analyse von Schwester Engratia Brinkmann und dem Pastoralreferenten Martin Bruns. Beide sind am Forum am Dom, dem offenen Haus der katholischen Kirche im Zentrum der Stadt, dicht am Puls der Zeit.  

„Früher gab es dieses Vertrauen. Aber heute glauben die Menschen nicht mehr, dass die Kirche ihnen Antworten geben kann bei den großen Fragen des Lebens, dass sie bei uns Orientierung und Halt bekommen im modernen Supermarkt des Glücks“ betrachtet Wolter, der weiterhin auch als Gemeindepastor arbeitet, die kritische Situation. Die wesentliche Frage für ihn: „Wie kann Kirche heute auftreten, damit Menschen auf ihrem Weg Erfahrung machen mit Gott, dass sie erfahren, was sie trägt?“

Ein einfaches Weiter so wie bisher kommt für die Kirchen nicht in Frage. Die Mitgliederzahlen schrumpfen, die Einnahmen gehen zurück, die Kirchenbänke bleiben zusehends leer. Für jüngere Menschen ist Kirche oft die große Unbekannte. Eine Erziehung, in der auch kirchliche Feste gefeiert und religiöse Traditionen weiter gegeben werden, ist nicht mehr selbstverständlich. Aber auch viele Menschen im mittleren Alter fremdeln mit Kirche und ihrem bürgerlich traditionellem Milieu, ihrer Musik und religiösen Ritualen.

Dabei ist es seit geraumer Zeit kein ausdrückliches Ziel mehr, am Sonntag die Kirche so wie früher voll zu bekommen. Der Gottesdienst oder die Heilige Messe sind nur ein, wenn auch wesentliches kirchliches Angebot unter vielen. „Der einzelne Mensch soll zu seiner Lebendigkeit finden“ interpretiert die Franziskanerin Engratia Brinkmann die Richtung, die man heute in den beiden großen christlichen Kirchen eingeschlagen hat. Das heißt: Für verschiedene Menschen in den unterschiedlichen Milieus gibt es verschiedene Angebote und es ist viel Platz für Eigeninitiative.

Glaubenskurse sind solch ein Angebot. Schwester Engratia hält sie regelmäßig im Forum am Dom, in der evangelischen Kirche gibt es immer wieder in den Gemeinden. Man trifft sich über Wochen oder sogar Monate regelmäßig im kleineren Kreis, spricht über zentrale Inhalte des christlichen Glaubens, kann alles fragen oder ansprechen. Oft kommen Menschen mittleren Alters, die, gestresst von Beruf und Familie, sonntags lieber ausschlafen als in der Kirche sitzen, zu diesen Abendkursen. Sie haben dabei die Möglichkeit, herauszufinden, was sie persönlich mit dem christlichen Glauben verbindet – oder auch nicht. Die Resonanz auf solche Kursen ist seit Jahren gleich bleibend stark.

Aber auch die Gottesdienste verändern ihr Gesicht. Der Andere Gottesdienst in der Lutherkirche ist dafür ein Musterbeispiel. Am ersten Sonntag im Monat um elf Uhr ist nicht der Pastor oder Lektor, sondern ein Team aus der Gemeinde für die Feier verantwortlich. Zuvor fragt man sich in dieser Gruppe: Welchen Gottesdienst möchte ich feiern – und das so gestalten, dass ich dazu gut und gerne meine Nachbarn einladen könnte? Welche Geschehnisse interessieren mich – und welche Haltung können wir als Christen dazu einnehmen? Dabei entstehen Gottesdienste, die mit Künstlern des Theaters gestaltet werden, einen Film zum Thema haben oder „Klosterleben 2.0“ heißen. Während zu einem der üblichen Gottesdienste am Sonntagmorgen in der Lutherkirche meistens nur cirka 60 Menschen kommen, sind die Kirchenbänke beim Anderen Gottesdienst mit regelmäßig um die 200 Besuchern gut gefüllt.

„Wie können wir die sozial Schwachen erreichen? Sie kommen in unseren Gottesdiensten und in den vielen anderen Veranstaltungen nicht vor.“ Das Pfarrhaus von Martin Wolter liegt an der Iburger Straße. Er hat die prekäre Situation jeden Tag vor Augen, aber auch keine Lösung parat. Sicherlich, da gibt es die Mittagstische, wo Kinder, die sonst keine warme Mahlzeit erhielten, ein gesundes Essen bekommen in gastfreundlicher Atmosphäre und Mutter oder Vater dazu mitbringen können. „Diejenigen, die sich dort ehrenamtlich engagieren, tun das bewusst als Christen“ weiß Wolter. „Aber wie können wir den sozial schwachen Menschen auch geistlich helfen?“

Die Freikirchen seien oft stärker darin, diese Menschen anzusprechen und einzubinden in ihr geistliches Leben. „Wir sind zu verkopft“ resümiert er selbstkritisch. „In der Weite unserer Kirche gehen viele verloren.“

Optimismus und noch leicht zurückgehaltene Aufbruchstimmung dagegen bei der katholischen Kirche: Der neue Papst ist da! Martin Bruns und Schwester Engratia bekommen leuchtende Augen, wenn sie von ihm sprechen. Der neue Papst gehe auf die Menschen zu, freut sich der Leiter des Forums am Dom, „das tut den Menschen gut, da tun sich die Herzen auf.“ Er verbindet die Hoffnung damit, dass es gelingen könne, Vertrauen, das verspielt wurde auch aufgrund dogmatischer Kirchenpolitik, wieder zurück zu gewinnen.

 

Neue Osnabrücker Zeitung    25. März 2013