"Ihr seid doch naiv!"

Wie verändern sich christliche und muslimische Gemeinden durch Flüchtlinge? Eine Nahaufnahme.

 

Am Sonntag ist die Kirche jetzt immer voll. Wo früher bei der Messe Kirchenbänke schon mal leer blieben, sitzen jetzt Flüchtlinge. Zur  kleinen Gemeinde „Heilige Mutter Gottes Maria“, die ihre Gottesdienste  traditionell auf Arabisch feiert, gehören mittlerweile geflüchtete Christen aus Syrien und dem Irak, die in Stadt und Landkreis Osnabrück leben. Die gemeinsame Sprache ist der Ankerpunkt. Aber wie verändern Menschen, die aus einer anderen Kultur kommen und Erfahrungen  von massiver Verfolgung und Vertreibung mitbringen, das Leben der Gemeinde hierzulande? Was können Christen dazu beitragen, die Geflohenen zu integrieren – gerade auch in religiöser und kultureller Hinsicht? Allerdings: Diese Fragen und Herausforderungen stellen sich nicht nur christlichen sondern auch muslimischen Gemeinden. Spricht man dort arabisch, kommen Flüchtlinge in großer Zahl und verändern das Leben auch dieser Gemeinden.

 

Die rum-orthodoxe Gemeinde „Heilige Mutter Gottes Maria“ ist etwas Besonderes: die Kirche ist üppig geschmückt mit Gold und Ikonen,  man steht in der langen Tradition des  nah-östlichen Christentums. Gegründet wurde die Gemeinde in Osnabrück vor zwanzig Jahren von Frauen und Männern, die aus der Südosttürkei, dem ehemaligen Zentrum der rum-orthodoxen Kirche, nach Deutschland kamen um Arbeit zu finden. Mittlerweile führen türkischstämmige Deutsche, die in zweiter Generation hier leben, die Gemeinde.  Zu Hause sprach man in ihren Familien arabisch. Deutsch lernten sie als Kinder in der Schule und auf der Straße. Türkisch sprach man, wenn man in den Ferien die Großfamilie in der Türkei besuchte. Heute leben circa 10 000 rum-orthodoxe Christen in Deutschland. Ihre Kirche gilt als eine relativ progressive Kraft unter den orthodoxen Kirchen.

 

Toleranz oder Desinteresse?

 „Wir haben hier unsere zweite Heimat gefunden“ sagt Antouan Rezek, seine blauen Augen leuchten. Vor knapp zwei Jahren floh er aus Syrien nach Deutschland, mittlerweile ist seine Frau mit beiden Kindern nachgekommen. „Hier gibt es Gottesdienste in arabischer Sprache und Freunde“ sagt der 39-jährige auf Deutsch. In der rum-orthodoxen Gemeinde  fand er Halt in der Fremde und ein Betätigungsfeld. Antouan Rezek singt im Chor und hilft anderen Flüchtlingen, weil er schon besser Deutsch kann als sie. Nach dem Gottesdienst sitzt man im Gemeindehaus zusammen bei Kaffee und Kuchen. Viele haben dann einen Brief dabei, von der Krankenkasse, dem Arbeitsamt oder der Ausländerbehörde und hoffen auf Hilfe bei der Übersetzung und beim Kontakt mit Behörden. Ihr Glaube sei bei vielen Flüchtlingen das einzige, was ihnen noch geblieben sei, meint Jaklin Ögütveren, eine der Frauen, die die rum-orthodoxen Gemeinde seit vielen Jahren im Ehrenamt tragen. „Der Glaube ist noch wichtiger geworden, er ist eine Stütze.“ Ist bei einigen der Glaube auch erschüttert oder verloren gegangen? Nein, darüber möchte der Kreis von Flüchtlingen, die an einem großen Tisch im Gemeindehaus sitzen, nicht sprechen. Den Glauben aufzugeben ist keine Option für sie in ihrer Lage.

 

Die Geflohenen sind angekommen im Christlichen Abendland. Vieles, was sie da erleben, hatten sie sich so nicht vorgestellt. Zum Beispiel, dass zum Gottesdienst die Kirchen hierzulande ziemlich leer bleiben. „Das ist schlimm, das ist schade und traurig“ sagen Antouan Rezek und seine Frau Alin Sogman mit tiefem Unverständnis. „Die Deutschen sollten sich mehr um ihre Kirche kümmern“ appellieren sie. „Die Muslime sehen, dass die europäischen Christen nicht stark sind, das ist gefährlich. Irgendwann haben wir keine Christen mehr.“ Die Flüchtlinge bringen ihre  Erfahrungen mit, als Christ ohne Schutz und vertrieben zu sein. Sie mussten mit ansehen, wie Kirchen und Klöster zerstört wurden. Die westliche, von Toleranz geprägte Haltung, sich individuell für oder gegen Glauben und eine persönliche Glaubenspraxis zu entscheiden, erscheint ihnen  leichtsinnig und naiv.

 

Diese Erfahrung macht auch Klaus Barwig, Referent für Migration, Menschenrechte und Nachhaltigkeit bei der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. „In vielen Gesprächen mit aus dem Irak und Syrien geflüchteten Christen erlebe ich häufig eine große Enttäuschung gegenüber unserer westlichen, vom Christentum geprägten Gesellschaft. Ein immer wieder vorgebrachtes Argument ist dabei: „Ihr rollt den Muslimen, die uns aus unserer Heimat verdrängt haben, den roten Teppich aus!“

 

Die Christen in Syrien kooperierten mit Assad und lebten in Sicherheit unter seinem Regime. Mit Beginn des  Bürgerkriegs wurden sie zu einer verfolgten Minderheit. Unter den Flüchtlingen gibt es deshalb auch eiserne, grob verallgemeinernde Vorurteile. „Muslime sind von innen her gefährlich“, davon ist ein junger Mann, der mit am Tisch in der Gemeinde sitzt, fest überzeugt. „Wenn sie die Macht haben, sind sie zu allem fähig!“ Wie soll man darauf reagieren, wenn man in Deutschland aufgewachsen ist und den interreligiösen Dialog sinnvoll und wichtig findet? Den Frauen aus der Gemeinde Jaklin Ögütveren und Monika Ayguz, die in Einrichtungen der Caritas arbeiten, sind solche Äußerungen unangenehm und sichtlich peinlich. „Ich versuche, meine Meinung klar zu sagen“ ist die offensive Strategie der Altenpflegerin Monika Ayguz. „Wir leben hier in Deutschland. Jeder ist willkommen. Wir respektieren auch andere Glaubensrichtungen.“  Jaklin Ögütveren reagiert eher defensiv: „Wir versuchen darauf einzuwirken, dass das Politische sich nicht so breit macht.“ Ähnliche Beobachtungen macht auch Migrationsreferent Barwig : „Eine Haltung, die vom Gedanken der Religionsfreiheit und allgemeinen Menschenwürde gegenüber eingewanderten Muslimen geprägt ist, wird von vielen geflohenen Christen als Schwäche, Toleranz als Desinteresse interpretiert. Sie erwarten mehr Wachsamkeit seitens der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Versuchen, Druck gegenüber Un- oder Andersgläubigen auszuüben – insbesondere im öffentlichen Raum.“

 

Ein Machtwort des Vaters

Ortswechsel. Am verkehrsreichen Innenstadtring von Osnabrück liegt in einem alten großen Stadthaus die Ibrahim Al-Khalil Moschee. Hier wirken Abdul-Jalil Zeitun als Imam und seine Tochter Dua Zeitun als Seelsorgerin und Sozialarbeiterin im Ehrenamt. Familie Zeitun kommt ursprünglich aus Syrien, sie lebt mittlerweile seit vier Jahrzehnten in Deutschland und engagiert sich stark im interreligiösen Dialog. Die Moschee war international geprägt, Menschen aus Deutschland und Russland kamen genauso wie Moslems, die aus Nordafrika oder arabischen Ländern stammten. Die gemeinsame Sprache in der Moschee ist Deutsch. Aber das ändert sich gerade.

 

„Es ist eine große Umstellung für uns alle. Hier ist es jetzt übervoll“  sagt der Imam und wirkt dabei müde und abgespannt. Viele Flüchtlinge suchen schnell Anschluss an eine Gemeinde. Wegen der arabischen Sprache zieht es die muslimischen Flüchtlinge aus Stadt und Landkreis Osnabrück überwiegend in die Ibrahim Al-Khalil Moschee. Fünfmal so viele Menschen wie zuvor kommen jetzt zum Freitagsgebet. Die beiden großen Gebetsräume reichen längst nicht mehr aus. Überwiegend kommen Männer, sie stehen in den Fluren und Treppenhäusern, im Hinterhof wurde eigens ein großes Zelt aufgebaut. Die Moschee ist ein wichtiger Ort für Kontakt und Kommunikation in der Muttersprache. So spricht und hört man in der Ibrahim Al-Khalil Moschee mittlerweile viel  Arabisch und sehr viel weniger Deutsch.

 

 „Die Herausforderung ist der kulturelle Kontext“ sagt Dua Zeitun, die in Osnabrück Islamische Theologie studiert. Im Rahmen von interreligiöser Begegnung macht Dua Zeitun seit vielen Jahren Führungen durch die Moschee. Als sie vor Kurzem wieder eine Gruppe führte, kamen einige Flüchtlinge zum Mittagsgebet. Sie forderten, die Frauen sollten den Raum verlassen, denn sie könnten nicht beten, wenn gleichzeitig Frauen da seien. Gegen die Männer konnte sie sich erst einmal nicht durchsetzen. Aufgebracht rief sie ihren Vater an und bat um Unterstützung. Die Entscheidung des Imams, der männlichen Autorität, wurde von den Flüchtlingen schließlich hingenommen. „Das ist hier anders als in der Moscheegemeinde auf dem Dorf. Es gibt kulturelle Unterschiede, in die man die Flüchtlinge einweisen muss“ sagt Dua Zeitun.

 

Die Beispiele zeigen, wie wertvoll die Arbeit der christlichen und muslimischen Gemeinden ist, wenn sie Menschen des gleichen Glaubens Begegnungen ermöglichen und dabei kulturelle Werte der hiesigen Kultur klar vertreten. Nur so haben traumatisierte Flüchtlinge die Chance, mit ihrem Glauben in der anderen Kultur anzukommen und pesönlich Erfahrungen von Toleranz und Religionsfreiheit zu machen.

 

Publik Forum Nr. 6          25. März 2016