Fünf tote Hähnchen pro Sekunde

Die Kirchen treten für die Bewahrung der Schöpfung ein. Doch was heißt das im Konflikt um einen Schlachthof? Der Fall Wietze.

 

Wietze war eine ganz normale Gemeinde, vierzig Kilometer nördlich von Hannover. Bis der Schlachthof kam. Seit zwei Jahren steht in Wietze Europas größter Schlachthof für Geflügel. Jede Woche können 2,6 Millionen Hähnchen geschlachtet werden. Das sind 420 000 Tiere pro Tag, fast fünf Hähnchen pro Sekunde. Die Schlachtmesser rotieren Tag und Nacht. Wietze wurde zu einem Standort der Fleischindustrie und zu einem Schlagwort in der Auseinandersetzung um den Kurs der Landwirtschaft.

 

350 Menschen sind im Schlachthof in Wietze beschäftigt. Nach Angaben des Unternehmers Rothkötter, der bereits Schlachthöfe im westlichen Niedersachsen betreibt, sollen dort tausend Menschen Arbeit finden. Vorausgesetzt, der Schlachthof arbeitet irgendwann mit voller Auslastung.

Das weckt Hoffnung auf Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung bei den einen. Andere entsetzen sich über die Tierhaltung im Turbo-Stil und eine gigantische Fleischproduktion, die jegliches gesunde Maß verloren hat.

Ein tiefer Riss geht durch einst beschauliche Dörfer in Niedersachsen, das Deutschlands Agrarland Nummer eins ist. In der vielerorts konservativ-bäuerlichen Region wird erbittert darüber gestritten, wie Landwirtschaft betrieben und Tiere gehalten werden sollen:  als hoch technisierte Agroindustrie oder in bäuerliche Landwirtschaft? Viele Menschen sind direkt von dieser Frage betroffen: Landwirte und Arbeiter, die ein wirtschaftliches Auskommen für sich und ihre Familien brauchen. Nachbarn, die plötzlich neben einem Megastall wohnen müssen, Gewerbetreibende, die vom Tourismus leben wollen.  

Ein tiefer Riss geht auch durch Kirchen und Gemeinden. Themen wie „Schutz der Umwelt“ und „Bewahrung der Schöpfung“, aber auch Wirtschaft und Arbeit, zu denen in der Kirche häufig gepredigt wird, kommen plötzlich hautnah. Jetzt müssten Kirchenvorstände, Pastorinnen und Bischöfe Position beziehen. Doch damit tun sie sich schwer. Denn sowohl die Befürworter als auch die Gegner von Megaställen sind Mitglied in den Kirchengemeinden. Groß ist die Angst, irgendjemanden zu verprellen. Viele Kirchenvertreter signalisieren deshalb Verständnis für beide Positionen. Doch geht das überhaupt?

„Wenn mir ein Gemeindemitglied sagt: Toll, ich habe im Schlachthof Arbeit gefunden, soll ich ihm dann sagen, das ist nicht in Ordnung und er soll zurückstecken?“ fragt Reinhard Überrück. Er ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde St. Michael in Wietze. Die Frage nach seiner Haltung bringt ihn in Bedrängnis. Der Kirchenvorstand ist uneinig, wie die zwei Kilometer entfernte Schlachtanlage zu bewerten ist. Positiv wegen der Arbeitsplätze oder negativ, weil Umwelt- und Klimaschutz, Tierwohl und Gerechtigkeit missachtet werden.„Das ist nicht unser Problem. Das ist ein landesweites und weltweites Problem“ wehrt Pastor Überrück ab.

Kirchenvorstand und Pastor haben entschieden, auf keinen Fall Stellung zu beziehen. In der Seelsorge müsse die Kirche für jeden da sein. Sie befürchten Polarisierung und dass die Gemeinde daran zerbrechen könnte. „Das ist ja kein Atomkraftwerk, der Schlachthof ist keine Bedrohung für unseren Ort“ rechtfertigt der Pastor die Vogel-Strauß-Haltung.

Die Hannoversche Landeskirche, zu der der größte Teil Niedersachsens gehört, wird da ein wenig deutlicher. Ihre Synode hat sich in einem umfangreichen Papier zu Wort gemeldet. Protestantisch gründlich beleuchtet sie den Konflikt von allen Seiten und fragt, wie der Auftrag, die Erde „zu bebauen und zu bewahren“ heutzutage zu erfüllen sei. Schließlich bezieht die Synode Stellung: „Im Umgang mit Tieren kann nicht Effektivität der alleinige Maßstab sein“ und „Tiergerechtigkeit, Menschengesundheit und langfristige Sozialverträglichkeit weltweit haben Vorrang vor meist nur kurzfristigem wirtschaftlichen Nutzen“. Abschließend werden die Akteure in Wirtschaft und Politik zu ethisch korrektem Handeln ermahnt und aufgerufen, verantwortlich zu handeln.

Wird jedoch Pastor Karl-Heinz Friebe gefragt, ob die Kirche nicht klarer Position gegen den Geflügelschlachthof in Wietze beziehen müsste, reagiert er entnervt. Friebe ist Referent für Kirche und Landwirtschaft der Hannoverschen Landeskirche. Ihr gehören im protestantischen Norden die meisten Christen an. „Von welcher Kirche reden Sie eigentlich?“ fragt er„Wir habe nur die Kraft des Wortes, der Rede und des eignen vorbildlichen Handelns“. Anders als bei den Katholiken könne in einer synodalen Kirche der Bischof nicht von oben dirigieren. „Kirche ist keine Kontrollinstanz“, unterstreicht Friebe.

 

Weit entfernt davon, etwas kontrollieren zu können ist allerdings auch die katholische Kirche. „Es gibt tatsächlich einen Eiertanz“ meint selbstkritisch Jürgen Selke-Witzel, der Umweltbeauftragte des norddeutschen Bistums Hildesheim. Auf einer anderen Ebene der Kirche, bei den Hilfswerken Misereor und Brot für die Welt, da würde die „kritische entwicklungspolitische Dimension unserer Landwirtschaft in den Fokus gerückt.“ Diese Hilfswerke beklagen seit Langem, dass der Erfolg ihrer Projekte, bei denen zum Beispiel Frauen in Nordafrika lernen, mit Hühnerzucht das Auskommen ihrer Familie zu sichern, durch den globalisierten Fleischmarkt wieder zunichte gemacht werden. Weil im reichen Norden fast nur Hähnchenbrust gekauft wird, landen Keule und andere Fleischteile als Tiefkühlware in Nordafrika, wo sie die heimischen Märkte nachweislich zerstören.

Man muss es wohl als einen Fall von opportunistischem Lavieren bezeichnen, wenn die klare ethische und politische Parteilichkeit an die Hilfswerke delegiert, in den Gemeinden aber mit anderer Zunge geredet wird. Etwa beim  „Ökumenischen Kreuzweg der Schöpfung“ im vergangenen Jahr. Der evangelische Landesbischof, Ralf Meister, war persönlich dazu nach Wietze gekommen. Er sagte:  "Ein Kreuzweg ist ein Weg der Versenkung ins Leid Jesu Christi, nicht der Verurteilung anderer Menschen. Ein Kreuzweg ist ein Weg, der an der eigenen Schuld entlang geht, nicht aber in die Beschuldigungen anderer führt." Der Bischof will niemandem wehtun und nicht polarisieren. Ist das die protestantische Kraft des Wortes?

 

Wer so predigt, vernebelt die politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse. Pastor Wolfgang Matko-Meineke findet solche Worte empörend. „Die Kirche lässt uns im Stich“ sagt der 64-jährige Pastor im Ruhestand verärgert. Er lebt im beschaulichen Wienhausen, 30 Kilometer von Wietze entfernt. Ein altes evangelisches Frauenkloster, romantisch direkt an der Aller gelegen, lockt viele Touristen an. Jetzt will der Nachbar von Wolfgang Matko-Meineke einen Hühnerstall bauen. Für 82 000 Hähnchen. Insgesamt 400 solcher Megaställe sollen im Celler Land entstehen. Denn nur mit dieser kaum vorstellbaren Masse an Hähnchen kann der Schlachthof des Fabrikanten Rothkötter voll ausgelastet arbeiten.

Als Mitglied der Bürgerinitiative, die diese Ställe verhindern will, hofft Wolfgang Matko-Meineke, den Schaden zumindest begrenzen zu können. Natürlich weiß auch er, dass seine Kirche kaum mehr hat als die Macht ihres Wortes. Aber er und seine Mitstreiter fordern, dass sie diese Macht entschieden besser nutzt. Es sei ein Verbrechen was auf dem Land geschehe, sagt er und dringt darauf, dass Kirche das auch so benennt.

Noch scheint sie davon weit entfernt. Als Ende August 5000 Menschen in Wietze gegen den Mega-Schlachthof und eine agroindustrielle Landwirtschaft demonstrierten, wurde im Protestcamp auch ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert. Aber niemand aus der Gemeinde St. Michael in Wietze und kein höherer Repräsentant der Landeskirche nahmen daran teil. Auch die musikalische Unterstützung blieb aus. Alle Posaunenchöre des Kirchenkreises Celle lehnten die Teilnahme ab – oder reagierten auf die Anfrage nicht. Die Kirche will sich in diesem Konflikt weder klar zeigen noch gut hörbar sein – auch nicht mit Posaunen und Trompeten.  

 

Publik Forum Nr. 17     13. September 2013