Der Erleuchtete macht Konkurrenz im Glauben

Wo Christus fern und Kirche zu abstrakt ist: Auf dem Weg zu Buddha

 

Sie hat sich ernsthaft damit beschäftigt und es sich gut überlegt. „Ich musste auf die Suche gehen“ sagt Katharina Wenzel, die eigentlich anders heißt, aber ihren Namen nicht in der Zeitung veröffentlicht sehen möchte. Sie befürchtet Sanktionen ihres kirchlichen Arbeitgebers. „Ich habe die Lehre von Buddha gelesen. Da habe ich gemerkt: das ist der Weg.“ Fünf Jahre ist das jetzt her. Seit dem kommt sie regelmäßig in das Buddhistische Zentrum in der Altstadt zur gemeinsamen Meditation.

Die christlichen Kirchen haben ernst zu nehmende Konkurrenz. Ihre zentralen Botschaften und religiösen Rituale bleiben oft ungehört und unverstanden. Da sind die vielen, die lieber in den Konsumtempel gehen als in die Kirche. Aber da gibt es auch diejenigen, die intensiver erfahren und dichter glauben wollen als es ihnen im christlichen Zusammenhang möglich erscheint. Sie suchen eine andere Glaubensgemeinschaft oder Religion – und orientieren sich oft am Buddhismus. Was ist da, was sie in der christlichen Kirche nicht finden?

„Ich möchte nicht nur etwas glauben. Ich möchte erfahren. Der Buddhismus ist eine Erfahrungsreligion.“ Mit so einem Satz versucht Katharina Wenzel zu erklären, warum ihr der Buddhismus viel näher ist als es das Christentum und seine Kirche jemals war. Sie war auf Pilgerreisen in Indien und Nepal, sie ist ihren religiösen Meistern mehrfach begegnet.

An der weißen Wand im Meditationsraum in der Lohstraße hängen drei in Gold gerahmte Fotos. Auf dem Kissen sitzend schaut man zuerst auf das Bild eines Mannes, der einen direkt anblickt. Es ist das Foto des 1981 verstorbenen 16. Karmapa, der hier als eine Wiedergeburt des Buddha verehrt wird. Um seine geistige Anwesenheit wird bei der Meditation gebetet. Sähe man diese Fotografie in einem anderen Zusammenhang – man käme niemals auf die Idee, dass es sich hier um einen Erleuchteten handeln soll. Ein einfacher, kräftiger, eher streng blickender Mann. Rechts von ihm, ebenfalls im Goldrahmen: Ole Nydahl. Kurzhaarschnitt, gut aussehend, Däne. Den „Diamantweg“-Buddhismus, dem man hier folgt, hat er weltweit mit Erfolg verbreitet. Als drittes Foto ein junger, festlich gekleideter Tibeter: der 17. Karmapa, die jetzt lebende Verkörperung des erleuchteten Buddha.

„Den Karmapa habe ich schon oft getroffen, mindestens fünfmal an verschiedenen Orten in Europa und in Indien.“. Das ist wichtig für Katharina Wenzel. Auf ihrem „Diamantweg“ gibt es sowohl die große, 2 600 Jahre alte Geschichte der Weltreligion Buddhismus mit ihren traditionellen Überlieferungen als auch heute lebende, erleuchtete Menschen. Deren Botschaft lautet: Auch in dir ist Buddha-Natur. Entwickle dich. Setze dich auf dein Kissen und meditiere. Stehe vom Kissen auf und verwirkliche den Buddha in dir in deinem Alltag.

Die kirchliche Lehre könne sie nicht glauben, sagt Katharina Wenzel. Sie gebe ihr keine guten Antworten. Vielleicht sind sie zu wenig eindeutig und der Gott erscheint zu fern. „Jeder ist selbst für sein Glück zuständig. Was ich heute tue, das ist der Same für meine Zukunft.“ Das glaubt sie jetzt: die Lehre von Karma und Wiedergeburt.

Man begegnet sich entspannt und locker im Buddhistischen Zentrum. Im großen Raum gibt es Glasvitrinen mit kleinen Buddhagestalten, aber auch eine gemütliche Sofaecke. Tee und Kuchen stehen auf dem Tisch. Hier sitzt und plaudert man, bevor man sich kurz nach acht Uhr gemeinsam zur Meditation aufs Kissen setzt. Vorher wird noch schnell der Computer abgeschaltet.

Frank Kruse leitet die 25minütige Meditation. Er wurde von Ole Nydahl, dem Gründer und spirituellen Lehrer des „Diamantwegs“ im Westen, autorisiert, die buddhistische Lehre in den Gruppen weiter zu geben. „Es ist bei uns ganz anders“ ist sich der 52jährige, große blonde Mann im anschließenden Gespräch sicher. „Wenn ich ein Problem habe, bekomme ich von Lama Ole Nydahl eine glockenklare Ansage.“ Er sage ihm, was Ursache und Wirkung und was konkret zu tun sei. „Zum Beispiel ich fühle mich einsam. Seine Antwort: Du denkst negativ und hast schlechte Urteile über die anderen Menschen. Versuche, die Qualitäten in ihnen zu erkennen.“ Befolge man dies, löse sich das Problem der Einsamkeit schnell auf.

Hätte ihm das nicht eben so gut ein christlicher Seelsorger sagen können? Sicherlich, aber für Frank Kruse blieb die christliche Lehre „Theoriekrams“. Als er dagegen Ole Nydahl traf, „war das der Einschlag, das war so stark.“

Zum ersten Mal im Zentrum an der Lohstraße ist ein blasser, scheuer Ex-Student der Biowissenschaften. Mit verschiedenen Jobs hält er sich jetzt über Wasser. Warum er hierher gekommen sei? „Ich suche einen geistigen Lehrer“ sagt er unsicher. Ob er ihn hier bei Frank, Ole Nydahl und den Fotos vom Karmapa findet? Dazu kann und will er sich nicht äußern. Leise und zurückhaltend, so wie er gekommen ist, steht er auf nach der Meditation und geht.

 

Neue Osnabrücker Zeitung    27. März 2013