"Wir fangen dann schon mal an!"

Gratis-Technologie für alle, ein Repair-Café, eine Lebensgemeinschaft in Vorpommern , Gärten in den Metropolen: Eine Tagung präsentiert erfolgreiche Vorboten einer nachhaltigen Wirtschaft.

 

Zwei Männer sitzen im schlecht beleuchteten Hinterzimmer eines Cafés. Konzentriert beugen sie sich über einen aufgeschraubten Laptop. Wie oft bei modernem technischem Gerät zeigten sich bei diesem kurz nach Ablauf der Garantiezeit die ersten Macken. Der Student, dem er gehört, will Elektronik-Müll vermeiden und auch Geld sparen.  Deshalb möchte er ihn reparieren - aber wie geht das? „Mann, das ist nur `n Stecker hier!“ zeigt der Computerfachmann, der mit ihm am Tisch sitzt, sein Wissen und greift zielsicher zwischen Leiterplatten und bunte Drähte. Unter seiner Anleitung basteln die beiden in akribischer Feinarbeit weiter. Zum Schluss funktioniert der Laptop wieder einwandfrei.

 

Repair Café nennt man den Ort, an dem der 23-jährige Student und der erfahrene Computerfachmann sich in Oldenburg treffen. Tüftler geben wertvolle Tipps an Laien, die elektronischen Geräte, Kleidung oder einfach nur einen Stuhl reparieren wollen. Es gibt sie nach holländischem Vorbild in einigen deutschen Großstädten. Wer Zeit investiert, kann praktisches Wissen erwerben und interessante Leute kennen lernen. Weil mit erfolgreicher Reparatur eine Neuanschaffung entfällt, spart man Rohstoffe, Energie und Geld. Was in kargeren Zeiten selbstverständlich war – Gebrauchsgegenstände durch Reparieren möglichst lange zu nutzen – ist langsam wieder im Kommen.

 

Sind die Menschen im Repair Café deshalb schon Pioniere eines neuen Lebensstils? „Vision einer Reparaturwirtschaft“ nennt das etwas vollmundig der Volkswirtschaftler Niko Paech von der Universität Oldenburg. Er forscht und lehrt zu einer Wirtschaft, die nicht mehr auf Wachstum setzt,. „Es liegt an uns, ob es gelingt, die Produktion zu halbieren ohne zu verarmen“ deklamiert Paech. Das Repair Café und eine Tagung  „Wirtschaften ohne Geld? Zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und Schenkökonomie?“ hat er zusammen mit der „Vereinigung für ökologische Ökonomie“ initiiert. Sie präsentiert Modelle einer anderen

Wirtschaft, die aus Vorsorge für die Zukunft schon heute haushälterisch mit den Schätzen der Erde umgeht.

 

Schenken und teilen - weltweit

„Wir fangen dann schon mal an…“ mit dieser Haltung gehen junge engagierte Menschen pragmatisch mit den Herausforderungen um, die sich ihnen in besonderer Weise stellen. Viele düstere Prognosen zielen mittlerweile auf das Jahr 2050 – dann werden Klimaveränderung, Ressourcenknappheit und Wachstumskrisen sie mit voller Wucht treffen. Vielleicht deshalb sind sie an großen Theorien und Weltentwürfen, wie die ältere Generation sie einst liebte und diskutierte, nicht mehr interessiert. Das zeigte sich auch am Tagungsbeitrag der Anthropologin und Attac-Aktivistin Andrea Vetter aus Berlin. Sie widmete sich der Frage, welche Technik zukunftsfähig ist. Das Internet spielt dabei, so wurde aus der Präsentation der 30-Jährigen deutlich, eine entscheidende Rolle. Es verbindet wie kein anderes Kommunikationsmittel und macht es möglich, auch detailliertes Wissen weltweit zu verbreiten,  zu teilen und gemeinsam weiterzuentwickeln.

 

Open Source“ oder „quelloffen“ heißt das im digitalen Zeitalter und die Gemeinschaft nennt sich hier „Community“. Ehrgeizige Entwickler und Praktiker arbeiten umsonst, einfach aus Lust am Werk und am Austausch. Die bekanntesten Open Source Projekte sind der Internet-Browser Mozilla und die digitale Enzyklopädie Wikipedia. Es wird geschenkt und geteilt. Jeder kann von der Arbeit der Anderen profitieren. Ein Motor dabei ist der Wunsch nach Freiheit: Man will unabhängig sein von großen Firmen wie zum Beispiel Microsoft.

 

Auch ein mobiles Solarkraftwerk gibt es quelloffen. Die Baupläne für einen Parabolspiegel, der Sonnenenergie bündelt und sich auf Rädern je nach Bedarf bewegen lässt, stehen frei zugänglich im Internet. Weltweit können Menschen, die auf diese Weise Energie gewinnen wollen, die Pläne herunterladen und das kleine Kraftwerk nachbauen. Teure Lizenzgebühren kann man sich sparen. Nach Bedarf kann man die Konstruktion auch an die Bedingungen vor Ort anpassen und dieses Wissen  dann wiederum ins Internet stellen.

 

Aber können solche Projekte mehr sein als die berühmte Ausnahme von der Regel? Sorgen sie in den Machtarenen der Bosse etwa für Beunruhigung? Solchen Fragen geht man auf der Tagung nicht nach. Wichtig scheint, dass es überhaupt erfolgreiche Modelle gibt,  wo Menschen heute schon jenseits der harten Profitlogik enkeltauglich wirtschaften.

 

Zum Beispiel in Ostvorpommern, direkt an der polnischen Grenze. Nach der Wende gibt es auch im Dorf Klein Jasedow das Drama von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Abwanderung. „Siedler am Arsch der Welt“ nennen sich nicht ohne Stolz Johannes Heimrath und seine 15-köpfige Gemeinschaft, die vor 16 Jahren mit drei Lkw über eine Schlaglochpiste in diese Öde fuhr und blieb. „Uns war klar, dass wir hier einen Auftrag haben. Wir müssen Arbeit schaffen“ sagt der hünenhaft große Mann, der auf der Tagung mit auf dem Podium sitzt. Die Gruppe, die damals in den wilden Osten zog, hatte bereits viel Erfahrung: Schon 20 Jahre zuvor hatten sich ihre Mitglieder über ihre Profession Musik gefunden, in Bayern und in der Schweiz gemeinsam gelebt und erfolgreich Unternehmen im Bereich Naturkost, Bildung und Medienproduktion gegründet. Die Gestaltung und Herstellung von Internetauftritten, CDs, DVDs und Druckerzeugnissen bildet auch heute noch das wirtschaftliche Rückgrat der Gemeinschaft.

 

Für die Menschen vor Ort praktisch dienlich und wirklich hilfreich sein – das scheint ein wesentlicher Schlüssel für den Erfolg einer Gruppe zu sein, wenn sie nachhaltig wirtschaften und mit weniger Geld leben will. Denn bei den Nachbarn lösen die edlen Ziele der innovativen Neuankömmlinge keineswegs Begeisterung aus, sondern schüren Argwohn und Angst. „Ich muss mich in Beziehung setzen können zu Menschen, die ganz anders sind als ich und ihnen zuhören. Kann ich so weit von mir absehen, dass auch der andere eine Chance hat, seine Vision zu entwickeln?“ fragt der 60-jährige Johannes Heimrath mit Bedacht. Nachhaltigkeitskonzepte, Wirtschaftlichkeitsberechnungen und guter Wille allein reichten nicht. „Solche Konzepte zerschellen an der Wirklichkeit“ stellt Heimrath trocken fest. Man ist angewiesen auf die Menschen vor Ort. Man kann nur mit ihnen erfolgreich sein – oder gar nicht.

 

Die Medienfirma der Gemeinschaft um Johannes Heimrath ist mittlerweile mit 26 Angestellten eine wichtige Arbeitgeberin in der Gegend. Überwiegend erhielten hier arbeitslose Menschen aus den umliegenden Dörfern eine neue Ausbildung und Anstellung. Die Gemeinschaft unterstützte tatkräftig auch die Gründung neuer Unternehmen in der Region, zum Beispiel einer Gärtnerei, die Bio-Kräuter anbaut und vermarktet oder einer Werkstatt für Musikinstrumente. Um hohe Gewinne geht es dabei nicht.

 

Seit 14 Jahren wird Johannes Heimrath immer wieder in den Gemeinderat gewählt. Aber es gibt auch einen zähen Machtkampf mit dem regionalen Agrargroßbetrieb, der heute die Flächen der früheren LPG bewirtschaftet. Im Dorf werden immer wieder Vorwürfe laut, mit dem Bio-Landbau wolle die Gemeinschaft die konventionelle Landwirtschaft schädigen und gefährde die Arbeitsplätze dort.

 

Wie tickt die Generation, die heute etwas machen will? Wie denkt und handelt die jüngere und mittlere Generation, die nach Alternativen sucht zu Konsum, Konkurrenz und Profitdenken? Ewiges Debattieren und moralisierende Öko-Frömmigkeit, die noch in den achtziger Jahren die Alternativbewegung prägte, scheinen ihnen fremd.

 

Gärten mitten im Beton

„Die neue Ökobewegung hat einen neuen Begriff des Politischen“ analysiert die Soziologin Christa Müller am Rande der Tagung. Sie ist geschäftsführende Gesellschafterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis und gilt als Spezialistin für „urban gardening“. Das ist gemeinschaftliches Gärtnern mitten im Beton der Metropolen – dort, wo keiner erwartet hätte, dass aromatische Tomaten und knackiger Salat, aber auch praktisches Miteinander und Gemeinsinn jemals wachsen würden. „Zuerst wird die Stadt grüner gemacht, erst danach fordert man, dass dieses Grundstück nicht an einen Investor verkauft werden darf.“

 

Solch einen grünen Ort, an dem man gemeinsam ausprobieren und lernen kann, gibt es zum Beispiel seit 2009 in Berlin am Moritzplatz in Kreuzberg. Auf einer großen Brachfläche ließen engagierte Anwohner die „Prinzessinnengärten“ entstehen. Sie pflanzen in recycelte Bäckerkisten, Tetra Paks und Reissäcke, so dass der Garten immer mobil ist. Das ist innovativ, gut fürs urbane Lebensgefühl und ein Kick für die Performance.

 

 „Das Bild, das ich in die Welt setze, das ist meine Botschaft“ erläutert Christa Müller das Selbstverständnis dieser Gruppen. Auf den Videos von den „Prinzessinnengärten“, von denen es viele im Internet gibt, kann man es sehen. Da plaudern ganz entspannt der Kreuzberger Szenetyp und die Frau mit Kopftuch neben der Gemüsekiste. Da wird gemeinsam gewerkelt und gegrillt und veganes Essen gibt es selbstverständlich auch. Alles lässig, friedlich und bunt, Konflikte gibt es keine. Zu schön, um wahr zu sein – aber das stört nicht. Denn es soll kein realistisches Bild der Gegenwart, sondern eine Botschaft für die Zukunft sein. Für die Zukunft, die heute schon gelebt wird, zumindest teilweise. Manchmal, im Garten, ist sie zu ahnen.

 

Publik Forum Nr. 5                           15. März 2014