Sie zahlt einen hohen Preis

Die türkische Schriftstellerin und Journalistin Aslı Erdoĝan versucht Stimme der Opfer zu sein - und wurde selbst zum Opfer der Regierung Erdoĝan

Sie ist eine Ikone des Widerstands in der Türkei. Aslı Erdoĝan – mit dem gleichnamigen Politiker, der ihr Land zu einem totalitären Unrechtsstaat machte, nicht verwandt – setzt sich seit Jahren für die Opfer von Gewalt und Unterdrückung in der Türkei ein. Ihr Blick als Schriftstellerin und Journalistin auf die Menschen und was sie sich gegenseitig antun, ist sehr genau, schonungslos und doch sensibel. Aus einer tiefen Überzeugung, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat, erhebt sie ihre Stimme. Sie bleibt dabei und zeigt Mut, auch jetzt, da diese Überzeugung existenziell gefährlich für sie wird.

 

Vor kurzem erhielt sie für ihr kompromissloses Engagement den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2017 der Stadt Osnabrück. Ohne Zweifel, eine hochverdiente Auszeichnung  für eine Frau, die bei ihrem Einsatz für Frieden, Humanität und Menschenrechte an die Grenze dessen geht, was physisch und psychisch verkraftbar erscheint.

 

Aslı Erdoĝan wirkt dünn, zerbrechlich - und gezeichnet. In die Gesichtszüge der 50-jährigen, haben sich permanente Anspannung, Entbehrungen und Schmerz, die solch ein Leben mit sich bringen, eingezeichnet. „Ich habe versucht, Stimme der Opfer zu sein. Letztendlich bin ich selbst Opfer geworden – zweifellos“. Sie mimt nicht die strahlende Heldin sondern spricht offen über Suizidgedanken, die sie während und nach ihrer viermonatigen Haft im Frauengefängnis in Istanbul hatte. „Ich glaube an die Macht der Literatur“, sagt sie. Diese Hoffnung, dieser Glaube trägt sie. Die internationale große Resonanz auf ihre Werke bestärkt sie darin. Mittlerweile ist für Aslı Erdoĝan klar: „Wer den Faschismus bekämpft, zahlt einen hohen Preis. Wer ihn nicht bekämpft, zahlt einen noch viel höheren.“ Sie hat sich dafür entschieden, den hohen Preis zu bezahlen.

 

„Hinter Steinen, Beton und Stacheldraht rufe ich – wie aus einem Brunnenschacht – zu euch: Hier in meinem Land lässt man mit einer unvorstellbaren Rohheit das Gewissen verkommen. Dabei wird gewohnheitsmäßig und wie blind versucht, die Wahrheit zu töten“ schrieb sie im Jahr 2016 in einem Brief, der auf wundersamen Wegen aus dem Gefängnis kam. Kurz nach dem missglückten Putsch gegen Diktator Erdoĝan im Juli 2016 wurde die Schriftstellerin verhaftet. Zusammen mit 22 weiteren Journalisten der kurdischen Zeitung Özgür Gündem , die somit zum 50. mal (!) verboten war. Seit 2011 hatte Aslı Erdoĝan hier wöchentlich eine Kolumne geschrieben. Dass sie, die mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnete Türkin aus Istanbul, sich für die Rechte der Kurden einsetzte, hatte ihr schon früh viele Anfeindungen, auch von Kollegen, eingebracht. Jetzt wird Aslı Erdoĝan vom Regime Terrorpropaganda  und Unterstützung einer Terrororganisation - gemeint ist die PKK – vorgeworfen. Der Staatsanwalt fordert lebenslange Haft. Der Prozess gegen sie wird voraussichtlich in diesem Herbst fortgesetzt.

 

Ihre Romane, Artikel und Kolumnen sind hohe Literatur, die unter die Haut geht. Geprägt von detailgenauen Beschreibungen, doch in poetischer, einfühlsamer Sprache, entstehen dichte Bilder, die berühren. Ihre Werke wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt. „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ ist der Titel einer aktuellen Sammlung ihrer hervorragenden Essays. Es gibt sie nur in deutscher Übersetzung - in der Türkei dürfen sie nicht erscheinen.

 

Publik Forum Nr. 19      13. Oktober 2017