Sehnsucht nach dem wahren Volk

Wachsende Ängste und Orientierungslosigkeit vieler Menschen bilden den Nährboden für Rechtspopulisten in Europa. Was können Kirchen und Christen gegen eine Bewegung tun, die Frustrierte mit Hass und Feindbildern ködert? Erkenntnisse einer Tagung in Berlin.

 

Wo immer sie jetzt zu Wahlen antritt, scheinen ihr die Stimmen zuzufliegen. Die neue rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland (AfD) wird nach aller Voraussicht  im kommenden Jahr auch in den Bundestag einziehen. Denn wer mit dem Stimmzettel Unzufriedenheit und Protest ausdrücken will, wählt derzeit meistens rechts. Das ist nicht nur in Deutschland, das ist in ganz Europa so.  An welche Bedürfnisse und Befindlichkeiten knüpfen diese nationalistischen Parteien und Bewegungen so erfolgreich an? Welche offenen und verdeckten Ziele verfolgen sie? Solchen Fragen widmete sich eine Tagung der Evangelischen Akademie in Berlin und der Diakonie Deutschland. Vor allem aber wollte man wissen: Wie können die frustrierten Bürger, die jetzt zu den Rechten laufen,  wieder gewonnen werden für Offenheit, Vielfalt und Demokratie im Land? Und was können in besonderer Weise die Kirchen dazu beitragen?

 

Ein Feind schließt jede Gruppe zusammen

„Wir brauchen die Ängstlichen, um Mehrheiten zu bewegen“ sagte Frauke Petry, Vorsitzende der AfD, mit kaum verhohlenen Zynismus bereits im vergangenen Jahr. Eine nicht genau fassbare Verunsicherung ist ein wesentlicher  Grund, warum Bürgerinnen und Bürger bei Wahlen ihr Kreuz bei den Rechtspopulisten machen.  Auf der Tagung mit dem Titel „Wutbürger auf dem Vormarsch – Auseinandersetzung der Kirchen mit dem Rechtspopulismus“  betrachtete Wolfgang Palaver, Professor für Systematische Theologie an der Universität Innsbruck, besonders  psychologische  Aspekte.  Viele Menschen  fürchteten den sozialen Abstieg. Auch gebe es große Unsicherheiten im  Privatleben, denn die Familien und die Beziehungen der Menschen untereinander hätten sich merklich verändert. Die Gesellschaft sei von Individualismus geprägt, mehr Freiheit bedeute aber auch mehr Konflikte und mehr Einsamkeit. „Das Gefühl von Gemeinschaft und Geschlossenheit in einer Gruppe erzeugt man am einfachsten, wenn man einen gemeinsamen Feind installiert. Das ist ein uraltes Kulturmuster“, wusste der Theologe, der sich seit langem mit der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) auseinandersetzt. Der gemeinsame, als hochgefährlich eingestufte Feind der Rechten in Europa und den USA ist der Islam, leibhaftig verkörpert in Ausländern und Flüchtlingen.  

 

Kennzeichen des rechten aber auch des linken Populismus sei ein stark vereinfachendes Schwarz-Weiß-Denken und „eine moralistisch aufgeladene Polarisierung“, so Wolfgang Palaver. Die Welt ist klar aufgeteilt: Oben die korrupten Eliten, unten das unterdrückte Volk. Drinnen darf leben, wer durch Geburt zum Volk gehört. Draußen bleiben müssen Migranten und Asylanten. Gemeinsames  Ziel der neuen Rechten – darin waren sich die Expertinnen und Experten aus mehreren europäischen Ländern einig – sei die homogene Gesellschaft. Sie steht im Gegensatz zur offenen und deshalb heterogenen Gesellschaft, in der wir derzeit leben. In der homogenen Gesellschaft gibt es keine Gruppen mit verschiedenen Interessen, hier gibt es nur „das wahre Volk“. Da gibt es keine Auseinandersetzungen und Konflikte. Ein begnadeter Führer entscheidet für alle richtig. Weil abweichendes Verhalten verunsichert  haben in der homogenen Gesellschaft keinen Platz: Fremde, Homosexuelle und moderne Frauen, die mehr wollen als Kinder und Küche.

 

Reaktionäres Denken - moderner Auftritt

Wie kann es sein, dass solche Ideen, die eindeutig Erinnerungen an die Gewaltherrschaft unter den Nazis wecken, heute wieder eine große Anhängerschaft finden?  „Es gibt viele Menschen, die den großen Wunsch haben, dazu zu gehören“ meint Giorgia Bulli, Professorin für Politische Wissenschaft an der Universität Florenz. Seit mehreren Jahren erforscht sie rechtspopulistische Bewegungen und dabei vor allem die jungen Menschen dort. Sie seien auf der Suche nach ihrer Identität, nach einer Gemeinschaft, zu der sie ohne Zweifel gehörten. In dieser Hinsicht hat die Weltanschauung, die man am rechten Rand pflegt, in der Tat einiges zu bieten: Die Identität ist bereits durch Geburt festgelegt. Man gehört zu einem Volk oder einer Nation, man ist männlich oder weiblich und weiß, was man zu tun oder zu lassen hat. Die nationale Identität dient als Vehikel für die persönliche Identität. Besonders für  junge Leute spielen dabei die Musik von rechten Rockbands, die richtigen Klamotten und die passenden Internet-Zeitschriften eine wichtige Rolle. Über die gemeinsame Kultur weiß man und zeigt man, wer man ist.

 

Ein weiterer wichtiger Grund für ihren Erfolg liegt beim modernen Auftritt, den sich die rechten Parteien und Bewegungen mittlerweile zugelegt haben. Nazi-Gehabe, Nostalgie mit NS-Symbolen und offen rassistische Bekenntnisse – das war gestern. Heute kleidet man sich bürgerlich, bemüht sich um einen moderaten Ton und sympathisiert nicht mit Hitler sondern mit Putin. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Rundum-Erneuerung ist die rechtspopulistische Partei in Schweden. Der Name klingt unverfänglich: die Schwedendemokraten. Nach anfänglichen Misserfolgen bei Wahlen warf man alle offen rassistisch agierenden Mitglieder aus der Partei. Ab sofort trat man national-konservativ auf. Das wichtigste Thema blieb unverändert die Ausländerfeindlichkeit, aber damit erreichte man jetzt auch viele Wechselwähler. Seit sechs Jahren sind die schwedischen Rechtspopulisten im Reichstag, bei den Wahlen 2014 gewannen sie 13 Prozent der Stimmen. Für ein traditionell offenes, sozialdemokratisch geprägtes Land wie Schweden ist das sehr viel. Außerdem gehören die Schwedendemokraten mittlerweile wie selbstverständlich zur politischen Öffentlichkeit, ihre Positionen finden Beachtung in Zeitungen, im Hörfunk und im Fernsehen.

 

Gerne treten die Rechtspopulisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz damit auf, dass man jetzt dringend „das christliche Abendland“  gegen den Islam verteidigen müsse. Die FPÖ illustriert auf ihren Wahlplakaten Heimat gerne mit Kirchtürmen, aus der Schweiz kommt der Spruch „Maria statt Scharia“. Wie in Polen und in Russland hat Religion hier vor allem der Weckung von Nationalstolz zu dienen. Das Christentum verkommt dabei zur Ideologie, mit der man das andere, das Fremde abwehrt, um sich seiner selbst sicher zu sein. „Ich wünsche mir, dass die Kirchen und Gemeinden offensiv thematisieren, dass wir mit der so genannten Verteidigung des christlichen Abendlands nichts zu tun haben“ forderte Wolfgang Palaver, der sich seit vielen Jahren in seiner katholischen Gemeinde in Innsbruck engagiert.

 

Wie sollen die Kirchen auf den Rechtspopulismus reagieren, welche Strategien könnten erfolgreich sein? Es zeigte sich: da sind Ideen und Vorschlägen, aber noch sucht man nach den stimmigen Antworten. „Kirche, Diakonie und Caritas sollen klare Signale schicken, dass sie eindeutig die Bedrohten, die Flüchtlinge, unterstützen“ forderte Henning Flad, Referent bei der Diakonie zu Rechtsextremismus, der die Tagung organisiert hatte. Das rechtpopulistische Milieu sei mittlerweile so groß, dass man es nicht mehr gesellschaftlich ächten könne. Man müsse diskutieren, auch in den Gemeinden, und versuchen, Menschen zurück zu gewinnen.

 

Auf dem Katholikentag in Leipzig in diesem Frühjahr waren Vertreter der AfD von den Podien ausgeschlossen. Auf dem Evangelischen Kirchentag, der 2017 in Berlin und Wittenberg stattfinden wird, ist das voraussichtlich anders. Aber wie kann man mit den Rechtspopulisten öffentlich diskutieren ohne ihnen gleichzeitig eine große Bühne zu bieten? Samuel Salzborn, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Göttingen, gab dafür wichtige Hinweise: „Bei solchen Diskussionen ist Vorsicht geboten. Auf keinen Fall darf man sich von den Rechtspopulisten die Themen diktieren lassen. Man muss den Spieß umdrehen und mit ihnen nicht über Flüchtlinge sondern über ihren Rassismus reden. Und darüber, warum sie die freie Gesellschaft abschaffen wollen, in der sie frei ihre Meinung äußern können.“

 

Einen ungewöhnlichen Vorschlag machte der Theologe Douglas Gay von der Universität Glasgow, der zur Church of Scotland gehört und dort auch predigt. Er entwarf ein Konzept, wie unter theologischen Gesichtspunkten die Begriffe Nation und Nationalismus neu gedacht und verstanden werden könnten. „Man kann die nationale Identität nicht einfach abschaffen“ analysierte Gay, sicherlich auf vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in Schottland, in dem viele Bürgerinnen und Bürger eine eigenständige Nation wollen. Der Nationalismus, so Gay, müsse diszipliniert und zivilisiert werden. Streben nach Vorherrschaft und Invasionen seien deshalb klar abzulehnen. Es gehe dabei vor allem das Anrecht einer Bevölkerung auf Identität, um die eigene Kultur und Sprache und um „Verständnis dafür, dass für andere das auch wichtig ist.“ Anders als es in Deutschland aufgrund historischer Erfahrung häufig geschehe, solle man Nationalismus nicht nur negativ sehen. Mit Hilfe von Nationalgefühl sei es vielen Völkern gelungen, sich vom Kolonialismus zu befreien. Auch bei den friedlichen Revolutionen von 1989 habe das nationale Moment für die Befreiung eine wichtige Rolle gespielt. Das Publikum diskutierte diese Thesen kontrovers. Gewiss hätten viele Menschen Sehnsucht nach Identität – aber die nationale Identität sei oft ein falsches Versprechen. Gerade in der Kirche und als Christ müsse man vermitteln: Da sei auch Brüchigkeit, in jeder Person, in jeder Nation.

 

Grau ist anstrengender als Schwarz-Weiß

Dem Schwarz-Weiß-Denken der Populisten, das die Existenz einer absoluten Wahrheit suggeriere, solle man ein „Vielerlei Grau“ gegenüberstellen, schlug der österreichische Theologe Palaver vor. Ambivalenzen und gewisse Unsicherheiten gestehe man sich selbst und anderen dabei zu. „Aber das Dilemma ist: Vielerlei Grau ist anstrengender als Schwarz-Weiß, das mehr Sicherheit zu bieten scheint.“  Damit war eine wesentliche Thematik berührt: Wie können Kirchen und Gemeinden nicht nur in Gesellschaft und Politik sondern auch geistlich wirken, so dass ihre Türen offen sind für Menschen, die mit ihren Verunsicherungen heutzutage zu den Rechtspopulisten laufen. „Gegenwärtig leben wir in einer globalisierten Herrschaft der Ökonomie. Die Globalisierung der Solidarität ist die weltpolitische Aufgabe und große Herausforderung“, so Wolfgang Palaver. Er stellte fest: „Geschwisterlichkeit wird heute vor allem von den Vertretern der Weltreligionen gefordert.“ Aber was ist mit den Menschen, denen eine solche Forderung nicht weiterhilft, die keine Zuversicht mehr haben? „Wenn jemand Angst hat, hilft es nicht, zu diskutieren oder zu moralisieren“ machte der Theologe Palaver klar. „Wenn jemand Angst hat, braucht er Heilung.“

 

Es wurde deutlich:  Kirche sollte sowohl gesellschaftspolitisch als auch geistlich wirken. Engagement für eine offene Gesellschaft, für Vielfalt und Demokratie entstehen nicht nur aufgrund politischer Bildung, sie sind auch eine Frage von innerer Stärke. Dazu braucht man eine gute Portion Optimismus, Mitgefühl und Mut. Diese zu fördern könnte eine besondere Aufgabe in den Kirchen werden. Während man gegen Rechtspopulisten auf der politischen Ebene klare Kante zeigt, könnte es noch eine zweite Bewegung geben: Die Hinwendung zu Menschen, die auf ihrer  Suche nach Sicherheit und Identität nach ganz weit rechts driften. Diese Menschen sind trotz ihrer irritierenden Einstellungen als Person anzuerkennen. Wer weiß – vielleicht könnten manche  in Gemeinde oder Seelsorge in Kontakt kommen mit ihrem wirklichen Leben, mit seinen Höhen, Tiefen und Konflikten. Und so vielleicht Angst und Hass lassen – das bleibt zu hoffen.

 

Publik Forum Nr. 18                         22. September 2016