Falsche Helfer für die Armen

In ferne Länder reisen und zugleich Gutes tun, liegt im Trend. Der Voluntourismus boomt. Doch statt zu helfen, richten diese idealistischen Freiwilligen häufig Schaden an.

 

Die junge Frau erzählt von ihrer Zeit als freiwillige Helferin in einem Waisenhaus in Nepal. "Meine Hauptaufgabe war es, Didi -  so nennt man in Nepal die ältere Schwester - für die Waisenkinder zu sein: Helikopter aus Abfällen basteln, Prinzessinnen malen, englische Grammatik erklären, Brettspiele spielen, Robin Hood vorlesen, beim Waschen helfen ... es gab immer etwas, wo man sich einbringen konnte." Zu finden auf der Internetseite eines Reiseunternehmens, das sich ganz auf Jugendliche spezialisiert hat

 

In die Ferne reisen und helfen, eintauchen in eine fremde Kultur - das wollen viele junge idealistische Leute. Besonders Jugendliche nach dem Abitur oder im Laufe ihres Studiums interessieren sich für solche Reisen. Vieles ist heute leicht machbar: ferne Länder erreicht man bequem mit dem Flugzeug. Aufenthalte und Praktika im Ausland gehören wie selbstverständlich dazu. Als Freiwillige im Ausland können Jugendliche ihre Selbständigkeit erproben und oft zum ersten Mal Verantwortung übernehmen. Aber auch Berufstätige, die der Routine im Job entkommen wollen, buchen solche Reisen. Sie möchten authentische Erfahrungen machen, etwas Sinnvolles tun und manchmal auch eine neue Orientierung finden. Voluntourismus –  eine Wortschöpfung aus Volunteer, auf Englisch Freiwilliger, und Tourismus – ist ein neuer und wachsender Trend beim Reisen.

 

Doch diese Form der Freiwilligeneinsätze stehen in der Kritik. Wem nützt es, wenn Angehörige der weißen Mittelschicht auf ihren Reisen Heimkindern in Nepal englische Sätze beibringen, in Venezuela einen Basketball-Platz renovieren oder am Kap der Guten Hoffnung niedliche Pinguine füttern? Und was geschieht eigentlich mit dem vielen Geld, das solche Reisen kosten?

 

„Es wäre schön, wenn man mehr nachdenken würde, bevor man es macht“ sagt Hannah Jansen. Vor zwei Jahren reiste sie direkt nach dem Abitur für zwei Monate nach Südafrika. Mit einem Reiseveranstalter aus München, der auf Praktika und Arbeitseinsätze weltweit spezialisiert ist, buchte sie das Angebot, in Südafrika nahe Kapstadt Sozialarbeit mit Kindern zu machen. „Ich dachte, das wird super und die brauchen mich“ erzählt die junge Frau heute offen über ihre Illusionen. Mit vier hauptamtliche Erzieherinnen und weiteren Praktikantinnen arbeitete sie in einem Kindergarten in einem Township. Vielleicht weil Hannah Jansen zwei Monate und damit länger als viele andere blieb, sah sie die Probleme bei dieser Art von Freiwilligeneinsatz. „Für die Kinder ist das nicht gut. Die Betreuerinnen kommen und gehen, alle zwei bis vier Wochen sind es neue Personen.“ Hannah Jansen fühlte sich von Anfang an zwar gut angenommen von den Kindern, die sie betreute, während deren Eltern zur Arbeit gingen. Aber sie merkte auch, woran es wirklich mangelte: Nicht an frischgebackenen jungen Helferinnen sondern an pädagogisch gut qualifiziertem einheimischen Personal und an Geld. Ihr Rat: „Wenn man einen Freiwilligeneinsatz in einem fremden Land machen will, dann für längere Zeit. So dass die Chance besteht, dass es für beide Seiten gut ist. Wenn man diese Zeit nicht hat, sollte man in das Land fahren und reisen, einfach reisen.“

 

Engagement im Ausland kann viel bringen

In der Entwicklungsarbeit erfahrene Organisationen nehmen eine ähnliche Haltung ein. Sie vermitteln mindestens für ein halbes, meistens jedoch für ein ganzes Jahr Freiwillige in Projekte in der ganzen Welt „Wenn man ohne Arbeits- oder Auslandserfahrung ankommt, braucht es diese Zeit, um wirklich im Projekt anzukommen und um dort eine Unterstützung zu sein“ sagt Antje Monshausen von  Tourism Watch, dem Informationsdienst für Tourismus und Entwicklung bei Brot für die Welt. Auch koste die Betreuung und Einarbeitung der Freiwilligen jedes Mal Zeit und Energie für die Verantwortlichen des Projekts

 

Knapp 7000 Deutsche machten im Jahr 2013 solche, für einen längeren Zeitraum vereinbarten Freiwilligendienst. Weltwärts, ein Gemeinschaftswerk des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und 160 kleinen und großen Organisationen aus dem Bereich Entwicklungsarbeit, fördert zurzeit 3 500 solcher Aufenthalte mit monatlich maximal 580 Euro. Allerdings: bei Weltwärts kann man nicht einfach einen Trip buchen sondern man bewirbt sich längerfristig, muss warten und kann auch eine Absage bekommen. Die Entsendeorganisationen wollen von den Bewerbern wissen, was sie motiviert und welche Fähigkeiten sie mitbringen. Es gehört dazu, sich in mehrtägigen Seminaren vorzubereiten auf den Einsatz im fremden Land. Manche Organisationen bieten vor Ort Zwischenseminare an, in denen Freiwillige ihre nicht immer einfachen Erfahrungen mitteilen und nach Lösungen bei Konflikten suchen können. Nach dem Aufenthalt gibt es wiederum Treffen, in denen die Jugendlichen ihre Eindrücke reflektieren und in ihr Leben integrieren. „Freiwilliges Engagement hat einen hohen gesellschaftlichen Wert. Wir begrüßen den Freiwilligendienst im Ausland“ betont Antje Monshausen von Tourism Watch. Der Blick auf die Welt verändere sich damit nachhaltig, auch später noch engagierten sich viele ehemaligen Freiwillige in der Entwicklungszusammenarbeit.

 

Mit gewisser Sorge sieht man bei Tourism Watch und entwicklungspolitischen Organisationen die touristische Vermarktung der Freiwilligendienste. Nach vorsichtigen Schätzungen waren im Jahr 2013 cirka 20 000 als Voluntouristen unterwegs – das sind dreimal so viele wie bei den klassischen Freiwilligendiensten. Es liegt im Trend, „das besondere Abenteuer“ und „ein tolles Gefühl“ beim Helfen zu erleben, ein für die weitere Laufbahn nützliches Auslandspraktikum zu machen und für all das nur wenig Zeit zu investieren. Torism Watch und Brot für die Welt versuchen deshalb aufzuklären. Im Jahr 2014 legte man eine Untersuchung über die Hintergründe des wachsenden Reisetrends Voluntourismus vor. Die Ergebnisse sind teilweise erschreckend. 

 

Gutes wollen und den Kinderhandel fördern

Dringend abzuraten ist demnach von Einsätzen in Waisenhäusern – oder Einrichtungen, die sich so nennen. Weil viele Touristen und Freiwillige gerne Kinder in Waisenhäuser besuchen und dort helfen, steigt auf makabre Weise die Nachfrage nach Waisen. Mittelsmänner und –frauen vor Ort sprechen deshalb gezielt arme Eltern an und überreden sie, ihre Kinder in Obhut zu geben. Bildung und ein besseres Leben wird ihnen dafür versprochen. Nach einer Studie des UN-Kinderhilfswerks Unicef von 2011 haben in Kambodscha 85 Prozent aller Waisenkinder“ in Heimen noch mindestens einen lebenden Elternteil. 70 Prozent der Waisenhäuser in Kambodscha wurden ohne staatliche Registrierung von Einzelpersonen eröffnet. Vermutlich, um Einkünfte zu erwirtschaften aus dem neuen touristischen Geschäftsfeld. Die Kinder werden zumeist in heruntergekommenen Unterkünften untergebracht. Ein Großteil des Unterrichts wird von  Freiwilligen gemacht, die keine Erfahrung als Lehrer haben, die Landessprache nicht sprechen und mit ihrem Kommen und Gehen die Trennungs-Traumata dieser Kinder noch verstärken.

 

Nach einem Bericht der britischen Zeitung Guardian ist auch die Situation in Nepal verdächtig. Hier liegen mittlerweile 80 Prozent der Waisenhäuser in den drei größten touristischen Städten, während die überwiegende Mehrheit der Einwohner dort auf dem Land lebt. Auch in Nepal eröffnen Privatpersonen Kinderheime ohne Lizenzen und Kontrolle. Es zeigt sich: Voluntourismus kann zu Kinderhandel führen.

 

Die Reiseangebote stehen auch im Verdacht, Einfallstor für sexuellen Missbrauch zu sein. Projekte, in denen Freiwillige direkt mit Kindern in Schulen, Kindergärten oder Jugendtreffs arbeiten, werden am meisten nachgefragt. Die Tätigkeiten gelten als abwechslungsreich und vermeintlich sind nur geringe Qualifikationen erforderlich. Weil es im Projekt oder beim Zusammenwohnen in einer Gastfamilie viele Gelegenheiten gibt, mit den Kindern allein zu sein, ist die Gefahr von sexuellen Übergriffen groß. Bei der Untersuchung von Brot für die Welt, bei der 44 zufällig ausgewählte Voluntourismus-Angebote von 23 verschiedenen Anbietern unter die Lupe genommen wurden zeigte sich: Weniger als die Hälfte von ihnen wollte ein polizeiliches Führungszeugnis sehen. Weil hier nur König Kunde zählt, können Männer, die wegen pädosexueller Taten vorbestraft sind, nach Asien, Afrika oder Lateinamerika reisen und dort in einem Projekt mit Kindern tätig sein. Es zeigte sich auch: Nur ein Fünftel der untersuchten Projekte verlangte einen Lebenslauf und fast niemand führte vor der Abreise ein persönliches Bewerbungsgespräch.

 

Nicht nur Studierende, auch Berufstätige entscheiden sich für Voluntourismus-Angebote. Sei es, um im Urlaub etwas Sinnvolles zu tun. Oder, wie Katrin Bachmann, auf der Suche nach Neuorientierung im Leben. Vor vier Jahren kündigte die damals 37-jährige ihren Job und startete eine längere Weltreise. Zwei Freiwilligeneinsätze am Anfang und am Ende der Reise sollten ihr Klarheit verschaffen, ob sie auf einen neuen sozialen Beruf umsatteln sollte. In Thailand arbeitete sie in einem Internat für Kinder. Ihre Aufgabe: Die Wände der Klassenzimmer streichen und verzieren. Im Rückblick urteilt sie: "Ich  habe sehr viel Geld dafür bezahlt, dass ich Sponge Bob und andere Bilder auf die Wände der Klassenzimmer gemalt habe. Dass ich damit den Kindern helfe, dieses Gefühl hatte ich nicht."

 

Den von ihr gewünschten engen Kontakt zu Einheimischen bekam sie, als sie fünf Wochen auf einer zu Sansibar gehörenden Insel in einer Fischer-Familie lebte, ein Meeresschildkröten-Projekt unterstützte und Schulkindern Englisch beibrachte. "Es waren die fünf schwierigsten und schönsten Wochen meiner Reise" sagt sie. Schwierig, weil die Toilette nur ein Loch im Boden, die Dusche ein Wassereimer war und es morgens, mittags und abends Fisch gab. Schön, weil sie durch das Mitleben in der Familie einen guten Kontakt zu ihr entwickelte. Im Nachhinein sieht Katrin Bachmann aber auch die Kehrseiten ihres Einsatzes: "Als Freiwillige bringt man Neid in die Dorfgemeinschaft." Denn die jungen Weißen kommen wie selbstverständlich mit Handy und Notebook an. Allein wer sich die weite Reise bis nach Sansibar leisten kann, ist in den Augen der Dorfbewohner unsagbar reich. "Eigentlich tut man es ja, um den Leuten etwas Gutes zu tun", erinnert sie sich.

 

Oftmals tun Freiwillige jedoch das Gegenteil, sei es, dass sie Traumata bei Waisenkindern verstärken oder reguläre Lehrstellen eingespart werden, weil diese Arbeit ja die Freiwilligen erledigen können. Denn für die unseriösen Voluntourismus-Anbieter haben die Wünsche der zahlungskräftigen Kunden stets Priorität

 

 

Info-Kasten

 

Sinnvoll helfen im Ausland -  So erkennt man seriöse Angebote zur Freiwilligen-Arbeit

 

Seminare zur Vorbereitung und Nachbereitung des Einsatzes sind obligatorisch. Es muss ein Auswahlverfahren geben, bei dem festgestellt wird, ob der Bewerber für ein Projekt geeignet ist.

Die Organisation oder der Reiseveranstalter sollte transparent machen, welche Verträge bestehen und ob etwas von dem Geld, das der Aufenthalt kostet, an das Projekt fließt.

Der Einsatz sollte länger dauern, am besten ein halbes oder ein ganzes Jahr. Das gilt besonders dann, wenn Abiturienten oder junge Studierende noch keine besonderen Qualifikationen vorweisen können. So besteht die Chance, vor Ort die nötigen Kenntnisse zu erwerben und die Landessprache zu lernen.

 

Wer so viel Zeit nicht hat, sollte nicht mit Kindern arbeiten sondern in in Naturschutzprojekten oder auf Bio-Farmen aktiv werden. Jedoch bleibt die Frage, ob bei manchem Naturschutz-Projekt, zum Beispiel "Schildkröten-Eier bewachen in Costa Rica", die schädlichen Emissionen des Langstreckenfluges im rechten Verhältnis stehen zum Nutzen für die Natur.  

 

Klar abzuraten ist von Voluntourismus-Angeboten, die ganz auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten sind. Bei diesen Reiseveranstaltern gibt es Freiwilligeneinsätze schon ab zwei Wochen, man kann flexibel fast jederzeit im Hilfsprojekt anfangen und braucht keine Qualifikationen. Hier sind die Projekte nur Dienstleister, die funktionieren müssen wie sonst Hotels oder Freizeitveranstalter.

 

Publik Forum Nr. 15      15. August 2015