Der unvollendete Atomausstieg

Sie reichern Uran an und stellen Brennstäbe her: Atomfirmen in Deutschland beliefern Kraftwerke weltweit. Ihr Atommüll ist für Waffenschmieden hochinteressant. Und fast keiner sieht hin.

 

Acht Männer und Frauen stehen zusammen, trotzen am Sonntagnachmittag am Rande des westfälischen Städtchens Gronau einem kalten Westwind und stellen sich quer zu dem, was da hinter hohen Zäunen geschieht. Die Firma Urenco produziert hier in einer hochmodernen Zentrifugenanlage Nuklearbrennstoff für die Atomkraftwerke in Deutschland und der ganzen Welt. Die langjährigen Streiter gegen die Atomenergie stehen selbstbewusst da und wirken doch auch verloren – so wenige Menschen vor einem mächtig wirkenden, hermetisch abgeschotteten Industrie-Unternehmen.

 

Auf ihrem gelben Transparent fordern die Aktivisten einen wirklichen Ausstieg aus der Atomenergie. Aber ist der in Deutschland nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima nicht längst beschlossene Sache? Und trotzdem fordern die Leute vorm Zaun einen Atomausstieg? Mit dem Ausstiegsbeschluss wurden doch die ältesten Atommeiler bereits still gelegt und in sieben Jahren sollen bei uns auf einen Schlag die letzten sechs AKWs vom Netz gehen. Reicht das etwa nicht?

 

 „Solche Frage höre ich von vielen meiner Kolleginnen. Sie sagen: Was wollt ihr denn eigentlich?“ Christine Burchardt ist seit elf Jahren mit dabei, wenn man sich einmal im Monat beim so genannten „Sonntagsspaziergang“ zum Protest vor der Urananreicherungsanlage trifft. Unverständnis und Gleichgültigkeit für ihr Engagement kennt sie gut. Die 53-jährige Krankenschwester trägt ihr kräftiges Haar in leuchtendem Rot und sie denkt gerne nach. „Die Idylle Münsterland trügt“ analysiert sie. „Die Menschen schlummern vor sich hin. Sie sind geblendet, auch von den Sponsoring-Aktivitäten der Atomfirmen.“

 

Tatsächlich gibt es – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – im Nordwesten Deutschland eine Anhäufung von Unternehmen der Atomindustrie, die trotz des Ausstiegsbeschlusses vor vier Jahren einfach weiterarbeiten. Urenco, eine Firma im Besitz des britischen und des niederländischen Staates und der deutschen Energiekonzernen E.On und RWE, produziert in Gronau und im grenznah gelegenen Almelo angereichertes Uran für weltweit jedes zehnte Atomkraftwerk. Auch die Atomkraftwerke von Japans Atomkonzern Tepko in Fukushima gehörten bis zum Super-GAU zu Urencos Kunden.

 

Im nur wenige Kilometer entfernten Lingen im Emsland wird das angereicherte Uran weiterverarbeitet zu Brennstäben. Die Brennelemente-Fabrik AFN (Advanced Nuclear Fuels) gehört dem französischen Staatskonzern Areva und beliefert ebenfalls Atomreaktoren in Deutschland und weltweit. Außerdem läuft in Lingen ein Atommeiler von RWE noch bis ins Jahr 2022. Und während man hierzulande beim Thema Atommüll meistens sofort an Gorleben denkt, entsteht im Städtchen Ahaus im Münsterland ein so genanntes Zwischenlager für schwach-, mittel- und hochradioaktiven Abfall, das genauso groß und hochgefährlich ist wie das im Wendland.

 

Unbefristete Betriebserlaubnis

Der deutsche Atomausstieg war die von einer breiten Bürgerbewegung nach langen Jahren erkämpfte Antwort auf die massiven Umwelt- und Gesundheitsprobleme, die die Atomenergie aufwirft. Deshalb sollten sowohl Atomkraftwerke abgeschaltet werden als auch kein weiterer Atommüll entstehen. Aber wie ernst gemeint ist in der Realität ein Ausstiegsbeschluss, wenn Firmen in Deutschland mit ihren Nuklearprodukten weiter dafür sorgen, dass weltweit die Atommeiler laufen und die Risiken bleiben? „So wird auch immer neuer Atommüll produziert, dabei ist doch völlig unklar, was mit dem bis heute verstrahlten Material geschehen soll“ stellt Udo Buchholz fest.  Der 51-jährige steht an diesem Sonntagnachmittag auch vor dem Zaun von Urenco. Die Sorge um das, was vor seiner Haustür geschieht und weltweit hochriskante Umweltfolgen hat, treibt ihn schon lange um. Seit einigen Jahren ist Buchholz, studierter Soziologe, auch Pressesprecher der Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU).

 

Auf Nachfragen erklärte vor kurzem die Bundesregierung, dass weder die Urananreicherung in Gronau noch die Brennelemente-Produktion in Lingen Teil des deutschen Atomausstiegs seien. Beide Firmen haben eine unbefristete Betriebserlaubnis. Und bislang zeigen weder die sozialdemokratisch geführten Bundesministerien für Umwelt und für Wirtschaft in Berlin, noch die rot-grünen Landesregierungen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen irgendeine Initiative, daran etwas zu ändern. Inoffiziell ist zu hören, man habe in Regierungskreisen Angst vor hohen Schadensersatzforderungen der Betreiber, sollte man ihnen die Betriebserlaubnis entziehen.

 

Dabei ist nicht nur der Atommüll in der Zukunft sondern bereits die Anreicherung von Uran in der Gegenwart enorm umweltschädlich und gefährlich. In modernen Zentrifugenanlagen benutzt man dafür eine Verbindung von Uran und Fluor: Uranhexafluorid. Diese Verbindung ist chemisch instabil, radioaktiv, sehr giftig und aggressiv ätzend beim Kontakt mit Haut, Augen und Atemorganen. Große Tanks mit dieser Uranverbindung stehen offen, ohne schützende Halle, an den Produktionsstätten der Atomindustrie. Oder sie werden auf Straßen, per Bahn oder Schiff verladen und transportiert. Im Mai 2013, als der Evangelische Kirchentag in Hamburg stattfand, geriet im dortigen Hafen ein Frachter in Brand, der neben Autos auch neun Tonnen Uranhexafluorid und elf Tonnen radioaktive Brennstäbe geladen hatte. Uranhexafluorid darf in keinem Fall in Kontakt kommen mit Wasser oder Feuchtigkeit, sonst bildet sich die hochgefährliche, stark ätzende Flusssäure. Nach 16 Stunden war die Situation auf dem Frachter endlich unter Kontrolle. Hamburg und der Kirchentag kamen mit einem blauen Auge davon. Immerhin war die Öffentlichkeit wenigstens einen Moment lang für ein - imwahrsten Sinne des Wortes - brennendes Problem sensibilisiert.

 

Warum sind die Gefahren der Atomindustrie im Nord Deutschlands so wenig bekannt? Ist die Anti-Atom-Bewegung zu schwach und kann niemanden mehr aufrütteln? „Wir können nicht alles“ analysiert Jochen Stay, Sprecher von ausgestrahlt, einer bundesweiten Anti-Atom-Organisation. Es gebe nun einmal die für Bewegungen typischen Wellen mit Hoch-Zeiten und Zeiten, in denen sich politisch wenig bewegen lasse. „Wir müssen Prioritäten setzen“, ist Stay überzeugt. Im Fokus stünde deshalb die sofortige Abschaltung der Atomkraftwerke, der Atommüll und die Castortransporte.

 

Auch wenn die Nuklear-Fabriken an der deutsch-niederländischen Grenze gerade nicht zu den Schwerpunkten der Anti-Atom-Bewegung gehören: Unter dem Motto „Es ist drei vor zwölf“ ruft ein breites Bündnis von Gruppen dazu auf, zum Ostermarsch nach Gronau vor das Tor von Urenco zu kommen.

 

Material für Uranmunition

Denn die Fähigkeit, Uran anzureichern, ist auch militärisch von Bedeutung. „Die Urananreicherung steht für Deutschlands Fähigkeit, innerhalb weniger Wochen genug spaltbares Material für den Bau einer Atombombe herstellen zu können“, so Ursula Schönberger, Politikwissenschaftlerin und Redakteurin der Online-Dokumentation atommuellreport.de. Mit den Zentrifugenanlagen, die bei Urenco in Gronau und im niederländischen Almelo stehen, ist das technisch möglich. Auch anderswo interessierte man sich schon für diese Technologie. Ein pakistanischer Wissenschaftler stahl in den 1970-er Jahren Baupläne aus der Urenco-Anlage im niederländischen Almelo und verhalf Pakistan damit zur Atombombe.  

 

Auch Ecodefense , eine unter Putin verfolgte russische Umweltgruppe aus dem Ural, ruft dazu auf, am Karfreitag um 11.57 Uhr vor dem Haupttor von Urenco in Gronau zu demonstrieren. Bis 2009 wurde von Urenco der Atommüll aus seiner Produktion mit Genehmigung deutscher Behörden als „Wertstoff“ deklariert und nach Russland exportiert. Zum Beispiel nach Novouralsk, einer geschlossenen Stadt im Westen Russlands, deren militärisch-industrielle Komplex sich jeder Kontrolle entzieht. Abgereichertes Uran, so die Bezeichnung für den Abfall aus der Urananreicherung, ist besonders umweltschädlich. Aber es ist „wertvoll“ für Kriegsmunition: Chemisch ist Uran extrem dicht, Uranmunition deshalb besonders schwer, zielgenau und hat enorme Durchschlagskraft. Uranmunition bricht Panzer, explodiert und verbrennt dort im Innern und schädigt so den Gegner weiter mit giftigen Gasen. Unter friedenspolitischen Gesichtspunkten ist die Urananreicherung in Gronau ungeheuerlich.

 

 „Wir sind die kleine Wächterflamme, die stets brennt und das große Feuer wieder entfachen kann“ sagt einer aus dem Kreis, der regelmäßig beim „Sonntagsspaziergang“ die Stilllegung der Urananreicherungsanlage fordert. Die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Urananreicherung sind niemals klar zu ziehen, ihre Folgen unkontrollierbar. Nur wenige im idyllisch wirkenden Münsterland wollen das wirklich wissen. Am Karfreitag, bei „Drei vor zwölf“, hoffen sie, dass es mehr sind als sonst. Dass Menschen, die auch wissen, sich aufraffen und ihren Protest zeigen.

 

Publik Forum Nr. 6       27. März 2015