Zusammen ist man weniger allein

Wohngemeinschaften werden immer beliebter - allerdings nur bei Studenten. Kann gemeinschaftliches Wohnen auch jenseits der dreißig eine bereichernde Lebensform sein?

 

Ein selbstgebackener Schokokuchen steht auf einem alten Holztisch und eine Duftmischung von frischem Kaffee und Kräutertee zieht durch die gemütliche Wohnküche. Eine junge Frau klopft an der Tür und wird gleich eingeladen. Die drei Männer und vier Frauen, die hier westfälischen Städtchen Soest zusammensitzen teilen sich nicht nur den leckeren Kuchen sondern ein ganzes Haus mit sieben Wohnungen. Ihre Gemeinschft ist verbindlich, sie wollen auf lange Sicht zusammenleben.

 

Gemeinschaftliches Leben ist hierzulande selten geworden. In mehr als einem Drittel aller deutschen Haushalte lebt nur noch eine Person. Der Zwang, flexibel und mobil zu sein, scheint vielen Menschen keine andere Wahl zu lassen, als allein in einer Wohnung zu leben oder allenfalls  als Paar oder Kleinfamilie. Großfamilien gibt es so gut wie gar nicht mehr, auch das nachbarschaftliche Umfeld hat sich weitgehend aufgelöst.

 

Viele Menschen leiden unter Isolation, erfahren ihr Leben als einsam und bedrückend. Wohngemeinschaften wie diese in Soest könnten da eine Lösung sein. Trotzdem gibt es sie kaum - jedenfalls nicht bei Menschen über dreißig. Während Studenten-WGs immer beliebter werden, können sich Erwachsene nach der Ausbildung nur selten dazu entschließen, langfristig mit anderen zusammenzuziehen.

 

Dabei sind die WG-Erfahrungen, die immer mehr junge Leute in Universitätsstädten sammeln, durchweg positiv. Nach Daten des Deutschen Studentenwerks ist die Wohngemeinschaft inzwischen die beliebteste studentische Wohnform geworden. Dabei spielen offenbar nicht nur die Kosten eine Rolle: 83 Prozent der WG-Bewohner, so hat eine Erhebung der Süddeutschen Zeitung ergeben, sind mit ihrer Wohnsituation zufrieden.

 

Aber warum endet die Liebe zu dieser Wohnform dann im weiteren Lebenslauf? "Nach acht Jahren in verschiedenen Wohngemeinschaften wollte ich endlich mal meine Ruhe haben" sagt eine 39-jährige Berliner Lehrerin. "Morgens in der Schule geht es schon immer so laut zu, da brauche ich anschließend Ruhe und Rückzug. Und jetzt, wo ich mehr Geld zur Verfügung habe, freue ich mich auch über mein eigenes Klo." Mit steigendem Alter, beruflicher Belastung und Budget lässt die Freude an der Gemeinschaft offensichtlich nach, wächst das Bedürfnis nach Abgrenzung und Privatsphäre.

 

Wer die Miete nicht zahlt

Ist die Vereinzelung unserer Tage also ein Luxusproblem? Haben die Menschen es verlernt, zusammenzurücken und Kompromisse zu machen?

 

Die sieben Soester, die hier beim Schokokuchen sitzen, haben es trotzdem gewagt. "Wenn ich abends aus dem Büro komme und mit dem Fahrrad in den Hof einbiege, sitzen da meistens schon ein paar Leute und klönen. Da freue ich mich jedes Mal. Das ist für mich Gemeinschaft.“ In einfachen Worten sagt Florian Fridrich, was er an seiner Hausgemeinschaft liebt. Der 41-jährige Architekt ist einer der Initiatoren, die das Projekt in Soest vor einigen Jahren aus der Taufe hoben und mit starkem persönlichem Einsatz verwirklichten. In einem großen Stadthaus, auf knapp 900 qm und auf drei Etagen, schufen er und seine Mitstreiter am Rande der Soester Altstadt sieben verschieden große Wohnungen. Heute leben hier insgesamt 17 Erwachsene zwischen 25 und 55 Jahren und sechs Kinder - als Familien und Alleinerziehende, als Paar und als Einzelpersonen - in einer der sieben Wohnungen.  

 

Was bringt sie dazu, was hält sie  zusammen? „Gemeinsam arbeiten ist eine Bereicherung“, sagt Fridrich, der auch Architekt der Hausgemeinschaft war. Fast alle, die hier leben, haben in einer harten Bauzeit über mehrere Monate das alte Stadthaus selbst renoviert und modernisiert und damit das geschaffen, was jetzt jeder nutzt und die Gemeinschaft erst möglich macht. Die Menschen der Gemeinschaft lernten sich dabei sehr gut kennen.

 

„Wir haben gemeinsam geschuftet und auch frustrierende, harte Zeiten überstanden“ erinnert sich Florian Fridrich. In seiner Stimme klingt Stolz

mit. Auch jetzt noch verschönern die Frauen und Männer am Wochenende oft Haus und Hof und Garten.

 

Was bewegt und verbindet sie über das Bauen hinaus? Die Antworten der Frauen und Männer am Tisch kommen eher verhalten, so als hätten sie darüber bislang noch nicht nachdenken müssen. „Wir  essen und trinken gerne zusammen“ antworten sie, während sie in der Wohnküche die letzten Schokokrümel verspeisen. „Es gibt bei uns so was wie ein ökologisches Bewusstsein, aber wir sind dabei unkompliziert und lebensfroh“, meint Andrea Schaupp, die in einer Wohnung mit fünf Frauen unterm großen Dach des Hauses wohnt, in der täglich mit Bio-Lebensmitteln gekocht wird.Und dann nennt  die 31-jährige etwas Erstaunliches: „Es gibt bei uns eine Bereitschaft sich auseinanderzusetzen. Und ich erfahre dabei, das macht mein Leben reicher.“

 

Von Anbeginn waren die Frauen und Männer des Hausprojekts darauf eingestellt, dass es beim Zusammenleben auch zu Konflikten und Auseinandersetzungen kommen würde. Die Gründerinnen und Gründer gaben sich deshalb eine Satzung, in der sie nicht nur edle Ziele formulieren sondern auch, wie sie verträglich zu guten Entscheidungen finden, die jeder mittragen kann und was im Konfliktfall zu tun sei. Niemand kann einfach überstimmt werden und keiner hat das Recht, nur stur zu blockieren. Zur Streitschlichtung ist eine spezielle Kommission vorgesehen, im Notfall kann ein Vermittler von außen berufen werden.

 

„Ich habe die Geduld hier mal ausgereizt, alle auf eine harte Probe gestellt“ bekennt ein junger Mann, der mit am Kaffeetisch sitzt.  Mit zwei anderen jungen Männern lebt er im Haus in einer Wohngemeinschaft. Lange Zeit, erzählt er mit angespannter Stimme, habe er seine Miete nicht bezahlt. Offenbar hatte keiner so etwas für möglich gehalten.

 

„Als es rauskam gab es von einigen den Wunsch, dass ich ausziehe“, berichtet er. Andere aber wollten ihn nicht so schnell aufgeben und wissen, was hinter seiner Verweigerung steckte. Es brauchte drei lange Abende mit komplizierten, strapaziösen und dennoch konstruktiv geführten Gesprächen und Auseinandersetzungen – dann endlich löste sich der Knoten. Dass die anderen ihn nicht rauswarfen als er schwierig wurde, sondern gemeinsam mit ihm nach Lösungen suchten, hat viel in dem 25-jährigen bewegt.  „Bei mir hat das ein Bewusstsein geschaffen, dass ich in einer Gemeinschaft lebe, hundertprozentig. Das heißt auch, dass es Bedingungen gibt und ich Erwartungen erfülle, zum Beispiel Miete bezahle, und auf die anderen ein Auge werfe, auf sie achte“.

 

Der junge Mann klingt jetzt nicht mehr angespannt, eher stolz und  selbstbewusst. Und auch Andrea Schaupp beobachtet im Rückblick: „Wir sind gemeinsam durch diese Schwierigkeiten gegangen. Das hat die Gruppe gestärkt“. Offensichtlich ist die Gemeinschaft daran gewachsen. „Früher nannten wir die drei im ersten Stock Jungs-WG, heute sprechen wir von der Männer-WG“ bemerkt Mitgründer Florian Fridrich mit leichten Schmunzeln.

Und ja, vielleicht sagt diese Geschichte nicht nur etwas Wichtiges über die Wohngemeinschaft in Soest, sondern auch grundsätzlcih über das, was ein dauerhaftes Leben in Gemeinschaft ausmacht.

 

Die Frauen und Männer der Gemeinschaft in Soest sind eher jung, stehen mitten im Leben und packen viel Neues an. Was aber, wenn man alt ist? Die Angst, im Alter allein zu bleiben ist weit verbreitet und nur allzu berechtigt. Gerade da läge es ja nahe, sich zusammenzutun und nach einer Hausgemeinschaft zu suchen. Aber können Senioren und Rentnerinnen, deren individueller Lebensstil sich in Jahrzehnten fest geprägt hat, sich noch auf neue Menschen und deren Gewohnheiten einlassen? Die meisten alten Menschen können sich das nicht vorstellen. Viele leben allein in ihren einsamen Wohnungen. Elf Frauen aber fanden den Mut dazu. Sie leben gemeinschaftlich in der Alten-WG Am Goldgraben in Göttingen.

 

Ein ungelöster Konflikt

In einem Wohnviertel nahe dem Zentrum der Stadt liegt in einem Garten mit alten Bäumen eine charmante, herrschaftlich wirkende Jugendstilvilla mit eindrucksvoll großem Salon, Wohnzimmer samt Bibliothek und geräumiger Küche. In den beiden Obergeschossen sind elf kleine Wohnungen zwischen 30 und 50 qm mit Duschbad und Kochnische, die von jeweils einer Frau gemietet werden. „Wir sind hier unter einem Dach, aber wir kommen aus ganz unterschiedlichen Biografien“ erklärt Uta Berger, die seit sechs Jahren hier wohnt. „Eine gewisse Distanz zu halten ist für mich wichtig, von da aus kann ich mich dann wieder der Gruppe annähern.“ Die zart und dünnhäutig wirkende 79-jährige bringt zur Sprache, was charakteristisch ist, wenn ältere Menschen gemeinschaftlich leben wollen. Sie brauchen Zeit und Raum für sich selbst und ihr Verhältnis zur Gruppe ist genauso freundlich, aber zurückhaltender als bei jungen Menschen.

 

Jede der Frauen zwischen 53 und 90 Jahren, die hier wohnen, ist froh ihr „eigenes kleines Reich“ zu haben, wie einige ihre Wohnung nennen. Ungestört kann frau hier lesen oder fernsehen, telefonieren, mit Enkeln spielen oder sich entspannen. Neben Pflichten, die sich aus der Organisation des Haushalts ergeben, hat jede ein hohes Maß an Freiheit.

 

„Ich habe etwas gesucht, das mich auch in Ruhe lässt“ erzählt Christiane Scholz-Mundschick, die vor sieben Jahren nach Göttingen zog. Zuvor war sie Diakonin in einer ländlichen, streng evangelischen Gemeinde, wo hohe Ansprüche herrschten, wie man zu denken, glauben und handeln hatte. „Ich wollte nicht auf dem Dorf alleine alt werden. Noch keinen Tag habe ich bereut, hierher gezogen zu sein“ sagt die 65-jährige. „Viele Frauen hier ermuntern mich zur Lebendigkeit“ freut sie sich. „Aber ich stehe auch in meinem letzten Lebensdrittel“ fügt sie wie selbstverständlich hinzu. Mitbewohnerin Uta Berger ergänzt: „Wir wollen hier bis zum Ende sein. Das ist schon anders als in einer Studi-WG.“

 

In einer Wohn- und Hausgemeinschaft von Alten stellen sich andere Aufgaben als bei jüngeren Menschen: Eva Berger zum Beispiel sich vor einigen Monaten den Fuß gebrochen. Eine Mitbewohnerin, eine frühere Krankenschwester, gab ihr die tägliche  Spritze, andere kochten für sie. Auch beim Duschen im Pflegebad, das ergänzend zu den individuellen Duschbädern sich in der Jugendstilvilla befindet, half man ihr bei Bedarf. Als sie schließlich auf Stöcken wieder gehen konnte, begleitete eine Mitbewohnerin sie nach draußen, so lange sie das brauchte. Leichte, vorübergehende Pflege und damit eine längere Selbständigkeit ist möglich im Miteinander der Frauen. Aber sie wissen auch um ihre Grenzen. „Als eine Mitbewohnerin von uns an Alzheimer erkrankte, haben wir schnell gemerkt, dass wir das nicht stemmen", sagt Christiane Scholz-Mundschick. "Sie musste in eine Pflegeeinrichtung“.

 

Ohne Konflikte geht es auch im Haus Am Goldgraben nicht zu. Kein Wunder bei den teilweise großen Altersunterschieden von knapp 40 Jahren, verschiedenen Lebensgewohnheiten und  Empfindlichkeiten, die durch Krankheiten zunehmen. Eine der Schwierigkeiten rühren von den Geräuschen her, die im Alltag entstehen. Die nachträglich eingebauten Wohnungen lassen viel Schall durch ihre Wände. In der alten Villa lebt man hellhörig, Eine gewisse Robustheit, Geduld und Nachsicht sind dann gefragt. Aber nicht immer vorhanden: Der beliebte nachmittägliche Plausch am runden Tisch im Dachgeschoss musste aufgegeben werden, weil eine lärmempfindliche Bewohnerin, die in dieser Etage ihre kleine Wohnung hat, sich davon gestört fühlte. Nicht einmal eine professionelle Streitschlichterin, die die Frauen zuletzt heranzogen, konnte da etwas ausrichten. Mittlerweile ist die  Atmosphäre in der Dachetage angespannt. „Es ist ein ungelöster Konflikt“ sagt Christine Scholz-Mundschick mit Bedauern. Damit müssen sie hier jetzt alle leben.

 

Und nun? Ist das Wohnen in Gemeinschaft ein Rezept gegen die Isolation in der modernen Gesellschaft? Die Beispiele zeigen: Gemeinschaftlich leben ist möglich. Und anders – je nachdem ob Studierende für begrenzte Zeit zusammen wohnen, Menschen im mittleren Alter eine Hausgemeinschaft gründen oder alte Menschen noch einmal Neues wagen. Es  passt zu Menschen, die Sinn für eine gute Gruppenkultur haben und sich abgrenzen können, die sich zusammensetzen und auch auseinandersetzen wollen. Wer sich dafür entscheidet, bekommt beides: Verbindliche, stärkende Beziehungen und  Auseinandersetzungen. Zusammen zu wohnen ist bereichernd und dazu gehören auch Konflikte. Für Menschen, die Gemeinschaft wollen, eine Herausforderung, die aller Mühe wert ist.  

 

Publik Forum Nr. 10       22. Mai 2015