Was bleibt von Freud und seiner Psychoanalyse?

Die Psychoanalyse ist die älteste und bekannteste aller therapeutischen Schulen. Doch die langjährige Analyse auf der Couch konkurriert mit modernen Therapien - und verliert ihren politischen Einfluss.

 

Wie selbstverständlich sprechen wir heute von Freud. Das Bild des Mannes mit dem Volbart, der runden Brille und der dicken Zigarre steht wie eine Ikone für die Entdeckung unseres Unbewussten, unserer verborgenen seelischen Regungen, unserer Träume und Gefühle. Die Psychoanalyse ist präsent in Medizin und Psychotherapie, beeinflusst die Kunst, wirkt in ernsten Kommentaren und geselligen Gesprächen. Aber hundert Jahre nach ihrer Entstehung wirkt die Psychoanalyse wie ein altes Fotos auch etwas angestaubt. Aktuelle psychologische und medizinische Forschungen widerlegen einige Thesen aus der Psychoanalyse und neue Verfahren in der Psychotherapie sind kürzer und helfen auch gut, manchmal sogar besser. Was an Sigmund Freuds Werk gilt heute als überholt? Und was an der Psychoanalyse ist weiterhin aktuell, kann hilfreich für Menschen und sinnvoll für die Gesellschaft sein ?

 

Lebendig ist die Psychoanalyse in den Sprechzimmern der Psychoanalytiker und im Leben der Patienten, die sich auf diesen intensiven persönlichen Prozess einlassen. „Dass unbewusste Kräfte in uns walten ist Ausgangspunkt meiner Arbeit“ sagt Georg Baumann, der im Zentrum von Münster seit vielen Jahren in seiner Praxis als Analytiker mit Patienten arbeitet. Außerdem macht Baumann Fortbildungen und Lehr-Analysen mit Ärzten und Psychologen. „Die Seele ist mein Arbeitsinstrument“ erklärt der 63-jährige ruhig und selbstbewusst. Angesichts eines Medizinbetriebs, der häufig von rein naturwissenschaftlichem Denken und technischen Apparaten geprägt ist, wirkt das auch heute noch erfrischend unangepasst und viel versprechend.

 

Der Münsteraner Psychologe steht damit ganz in der Tradition seiner Schule, der Psychoanalyse. Der damals 40-jährige Wiener Arzt und Neurologe Sigmund Freud veröffentlichte 1896 seine Theorien über die Ursachen und Behandlung von Neurosen und Hysterie, die sich in damals weit verbreiteten Symptomen wie Krampf- und Ohnmachtsanfällen, Halluzinationen oder Neuralgien zeigten. Die Reaktionen auf die neu geschaffene Psychoanalyse waren gespalten. Es gab Zustimmung, Unverständnis und eindeutige Ablehnung. Sigmund Freud hörte als Arzt sehr gut zu, wenn seine Patientinnen und Patienten sprachen und lernte viel von ihnen. Er war besonders intelligent, wissbegierig und wollte beruflichen Erfolg. So stellte er die gut begründete These auf, dass die rätselhaften Leiden seiner Patientinnen und Patienten weder vererbt noch eigentlich körperlicher Natur seien sondern allein psychische Ursachen hätten.

 

Ein Kulturschock für das Bürgertum

Mitten in der bürgerlichen Wiener Gesellschaft, in der Kinder stets artig und Frauen bis zum Hals zugeknöpft zu erscheinen hatten, schrieb er über Sexualität und die Macht der Triebe, über ungelöste familiäre Konflikte und ihre Rolle beim Entstehen verstörender Symptome. Es war ein Kulturschock für das Bürgertum: Aus Sicht der Psychoanalyse war der Mensch nicht Herr im eigenen Haus, sondern mächtige unbewusste Kräfte bestimmten sein Leben. Außerdem: Freud war Jude. Zwar assimiliert und nicht gläubig – aber das half ihm nicht. Die Psychoanalyse widersprach dem herrschenden christlichen Dogma seiner Zeit, dass der Mensch nach dem Sündenfall sich entscheiden müsse zwischen den strengen Pflichten gegenüber seinem Herrn oder seinen sündigen fleischlichen Lüsten. Aber Freud traf mit der Psychoanalyse auch auf großes Interesse und wurde damit berühmt. Arztkollegen gründeten psychoanalytische Vereinigungen, um von seinem therapeutischen Wissen zu lernen und die Psychoanalyse weiter zu verbreiten.

 

Zuletzt stellte die Frauenbewegung in den 1980-er Jahren, über vierzig Jahre nach Freuds Tod, die Psychoanalyse noch einmal massiv in Frage. Entstanden in einer Zeit, in der patriarchale Denk- und Handlungsmuster als natürlich galten, erschienen Mädchen und Frauen in der Theorie der Psychoanalyse häufig als auf den Mann fixierte, nicht wirklich vollständige Persönlichkeiten. Die Frauen- und die aufkommende Kinderschutzbewegung fegten den Penisneid und den kindlichen Ödipus-Komplex hinweg (siehe Info-Kasten).

 

Ein radikaler Denker, kein Papst

„Wir haben es nicht gern, mit Freud gleichgesetzt zu werden“ sagt Marianne Leuzinger-Bohleber. Das verwundert, schließlich ist sie Leiterin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt und Professorin für Psychoanalyse an der Universität Kassel. In wohlklingendem schweizerdeutschen Akzent betont sie: „Die feministische und auch andere Kritik, die aufkam, war wichtig. Immer wieder Debatten, das ist gut.“ Die 68-jährige Marianne Leuzinger-Bohleber engagiert sich für eine moderne Psychoanalyse, die Antworten geben kann auf die Fragen der Gesellschaft und der Menschen von heute. Sie leitet Forschungsprojekte und sucht neue Erkenntnisse. Damit wirke sie im Sinne von Gründervater Freud. „Er war ein radikaler Denker, kein Papst. Die Psychoanalyse war nie ein Glaubenssystem, dem man zu folgen hatte.“ Tatsächlich hatte Freud im Laufe eines langen und intensiven Arbeitslebens seine eigenen Theorien immer wieder geändert, wenn er zu neuen Einsichten gekommen war.  

 

„Nicht mehr die unterdrückte Sexualität sondern die scheinbare Freiheit – das ist heute oft das Problem von Menschen“ weiß der Analytiker Georg Baumann aus seiner Praxis. Die Menschen scheiterten daran, gute innere Grenzen zu finden. Aber die Ursache aller Störungen sei gleich geblieben: „Im Kern pathologische Beziehungsmuster“ so Baumann. „Aber wenn ein Mensch nach und nach versteht, wie er seine Beziehungen gestaltet, kann er es vielleicht besser machen oder zumindest innerlich ausgesöhnter mit sich werden“ fügt Baumann mit einem wissenden Lächeln hinzu. Die langjährig verlässliche und besonders achtsam reflektierte therapeutische Beziehung ist heute das Markenzeichen, mit dem die Psychoanalyse antritt. In dieser Beziehung soll der Patient den Raum bekommen, sich in sich selbst einzufühlen, zu verstehen und sich schließlich lösen zu können von schädlichen Handlungs- und Beziehungsmustern.

 

Eine dunkle, elegant schlichte Ledercouch steht an der Wand in dem Zimmer, in dem Georg Baumann seine Patienten empfängt. Dazu zwei bequeme Ledersessel und ein kleiner runder Tisch – das ist alles. „Die Menschen erschrecken sich am Anfang oft, wenn sie die Couch sehen“ erzählt der Analytiker ohne Umschweife. Wie keine andere Therapie verbindet man die Psychoanalyse bis heute mit einem Möbelstück: der Couch. Zahllose Witze wurden im Lauf eines Jahrhunderts darüber gemacht, aber die Psychoanalyse bleibt der Couch treu. „Zuerst ist es ungewohnt, aber in den meisten Fällen bringt es Entspannung für alle“ sagt Baumann. Liegend und ohne den Therapeuten direkt anzuschauen, habe der Patient „Freiheit zum Denken.“ Auch für ihn und seine Arbeit sei diese Sitzordnung von Vorteil: „Ich muss nicht sofort reagieren, kann mich leichter in den Patienten hineinversetzen und Resonanzen nachgehen.“ Aber in der Phase, in der sie sich kennen lernen, sitzen sich Patient und Therapeut im Sessel gegenüber. Erst wenn nach einiger Zeit eine Entscheidung fällt für die lange Psychoanalyse, legt man sich auf die Couch.

 

In der therapeutischen Beziehung kann der Patient schwierige Emotionen und ungelöste Konflikte, die ursprünglich aus seiner früheren Lebensgeschichte kommen, ausdrücken und auf den Analytiker übertragen. Solche Übertragungen zu erkennen, klug und einfühlsam damit umzugehen, ist im Kern die Arbeit des Analytikers. Er achtet auch darauf, welche Gefühle bei ihm selbst entstehen. Diesen Teil des Beziehungsgeschehens nennt man in der Psychoanalyse Gegenübertragung. „Wenn ich mir im Kontakt mit einem Patienten immer großartiger vorkomme, sollte ich gewarnt sein“ erläutert Georg Baumann an einem Beispiel. Als Analytiker sollte er sich nicht in der Bewunderung sonnen, die ihm sein Patient entgegenbringt, sondern sich fragen, wie es kommt, dass dieser ihn so idealisiert. Möglicherweise verbergen sich dahinter eine große Enttäuschung und der kindliche Wunsch, endlich bei einer einfühlsamen Mutter, einem starken Vater sein zu können. „Meine Aufgabe ist auch, gewissen Zuständen einen Namen zu geben, zum Beispiel Trauer, Kränkung, nicht genug beachtet werden…“ erklärt Georg Baumann. „Gefühle müssen verstanden werden.“

 

Diese Haltung nehmen auch die Vertreter von anderen therapeutischen Richtungen ein. Für eine Psychoanalyse jedoch zahlen die Krankenkassen viel mehr Behandlungsstunden und damit insgesamt mehr als für jedes andere Verfahren. Zum Vergleich: Für eine Verhaltenstherapie bewilligen die gesetzlichen Krankenkassen maximal 80 Stunden, für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hundert Stunden und für eine Psychoanalyse bis zu 300 Stunden. Warum diese Bevorzugung? Die Psychoanalyse steht hier unter Rechtfertigungsdruck.

 

Bescheidener und weniger politisch

Im Sigmund-Freud-Institut begegnet man dem mit neuen Forschungen. „Wir wollen herausfinden: welche Patienten profitieren von einer Psychoanalyse und welche von einer Verhaltenstherapie“ berichtet Marianne Leuzinger-Bohleber. Ziel sei, mit einer „differentielle Indikation“ für je unterschiedliche Personen und Erkrankungen genau das richtige therapeutische Verfahren zu wählen. Es zeige sich, dass kurze und mittlere Therapien dann geeignet seien, wenn eine aktuelle Krise oder ein eingrenzbares Problem zu behandeln sei, zum Beispiel um Examensängste abzubauen oder den Schicksalsschlag einer Krebserkrankung zu bewältigen. Bei chronischen Depressionen oder schweren Persönlichkeitsstörungen wie dem Borderline-Syndrom reichten diese nicht. „Dann ist eine professionelle Langzeit-Therapie erfolgreicher und auch kostengünstiger als vier misslingende Kurz-Therapien“ bezieht Leuzinger-Bohleber Position.

 

Heute ist das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Gesellschaft und Kultur auf Medizin und Psychologie fokussiert und damit sachlicher und zurückhaltender als früher. Als es ab 1968 in Deutschland darum ging, die Verbrechen der Nazizeit so weit wie möglich zu bewältigen und Frieden zu schaffen ohne Waffen, war dabei auch die Psychoanalyse inspirierend. Mit ihrem 1967 erschienen Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ hielt das Analytiker-Paar Alexander und Margarete Mitscherlich der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft einen Spiegel vor und erfuhr damit beachtliche Resonanz. Einer der Leitfiguren der Friedensbewegung, Horst-Eberhard Richter, verband wie selbstverständlich psychologische und gesellschaftliche Analyse, schrieb Titel wie „Psychoanalyse und Politik“ und fand damit viele Leser. Mittlerweile habe die Psychoanalyse überwiegend einen „individual-psychologischen Schwerpunkt“ und untersuche gesellschaftliche Konflikte danach, wie sie sich beim Einzelnen auswirken, so Marianne Leuzinger-Bohleber, die nach Alexander Mitscherlich und Horst-Eberhard Richter heute das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut leitet. Die Analyse der Gesellschaft als Ganze sei heutzutage eindeutig das Revier  der Soziologen. „Wir sind bescheidener geworden“ sagt Leuzinger-Bohleber. In einem Gesundheitswesen, das auf schnelle Effektivität getrimmt ist, scheint die Aufgabe, psychisch ernsthaft kranken Menschen wirksam zu helfen, offenbar groß genug.

 

Infokasten:

 

Der Ödipuskomplex - wie Sigmund Freud sexuellen Missbrauch entdeckte und dann leugnete

 

Der Ödipus-Komplex – das hört sich nach Gedöns an, war jedoch lange einer der zentral wichtigen Theorien im Gebäude der Psychoanalyse. Die feministische Frauenbewegung griff in den 1980-er Jahren diese Theorie und ihre Vertreter an. Viele Frauen fühlten sich diskriminiert von der der Behauptung, Mädchen hätten einen Penisneid und sexuelle Fantasien zum Vater hin. Das Besondere an diesem Konflikt: Ausgerechnet die Frauenbewegung verhalf damit einer ersten, bahnbrechenden Theorien Freuds zu einem späten Durchbruch. 90 Jahre zuvor hatte er seine Trauma-Theorie entwickelt, wenig später aber aus bis heute nicht gänzlich geklärten Gründen widerrufen.

 

Im Jahr 1895 stellte Freud in Wien auf einer Ärzte-Versammlung seine „Verführungstheorie“ vor. Die psychischen Erkrankungen seiner - meist weiblichen - Patienten seien auf erlittene sexualisierte Gewalt durch Verwandte, meistens den Vater, zurückzuführen. Diese Erlebnisse würden verdrängt, könnten aber in späteren Krisen als Symptome zutage treten. Damit machte Freud eine für die damalige Gesellschaft unerhörte Entdeckung. Auf „eisige Ablehnung“ sei er mit damit bei seinen Arztkollegen gestoßen, schrieb er danach seinem besten Freund. Zwei Jahre später gab er diese These auf und ersetzte sie durch die Theorie des Ödipus-Komplex. Danach hat jedes Kind in der so genannten ödipalen Phase zwischen drei und fünf Jahren auf Mutter oder Vater gerichtete erotische Wünsche. Sexuelle Begegnungen werden nach dieser Theorie nur fantasiert, nicht real erlitten.

 

Nicht nur berufliche und gesellschaftliche, auch persönliche Gründe haben  Freud vermutlich zu dieser Wende bewogen. Er selbst und einige seiner Geschwister litten unter neurotischen und hysterischen Symptomen. Mit seiner ersten Theorie hätte er seinen kurz zuvor verstorbenen Vater beschuldigt. Mit dem Ödipus-Komplex aber trugen seine kranken Geschwister und er die Schuld ganz alleine.

 

Publik  Forum Nr. 15              7. August 2015