Das Heim der offenen Türen

Alle Bewohner der niederländischen Einrichtung „De Hogeweyk“ sind schwer an Demenz erkrankt. Doch sie besuchen Freizeitclubs, kaufen im Supermarkt ein und leben so aktiv wie möglich.

 

Die Haustür der Wohngruppe steht offen. Dennoch klopft Yvonne van Amerongen laut an. Das macht sie immer, bevor eintritt. „Wir sind Besucher in der Wohnung der Leute, die  hier leben“, sagt sie. Van Amerongen ist Pflegemanagerin des niederländischen Wohnparks „De Hogeweyk“ - einer außergewöhnlichen Einrichtung für Demenzkranke, über die in Deutschland viel diskutiert wird. Die sechs Senioren – fünf Frauen und ein Mann – sind gerade außer Haus. Auf einem bunten Schild an der Haustür stehen ihre Namen.

 

Das Klopfen vor dem Eintreten und die offene Haustür verraten viel über den Respekt, mit dem den Bewohnern in De Hogeweyk begegnet wird. Und über ihre Freiheit: Sie können kommen und gehen, im weitläufigen Gelände „wandeln“, wie es auf Niederländisch heißt, wenn ihnen der Sinn danach steht. Anders als in vielen anderen Pflegeheimen werden offene Türen hier nicht als Gefahr eingeschätzt. Wer das von Funktionalität und Abwaschbarkeit geprägte Ambiente vieler Einrichtungen für Senioren kennt und bislang für unvermeidlich hielt, gerät in De Hogeweyk in tiefes Staunen. Im Wohnzimmer stehen ein gediegener Esstisch aus Holz und eine einladende Sofaecke mit großem Fernseher. Ein Ohrenbackensessel in hellrotem Plüsch lädt zum Verweilen ein. Der Blick aus den großen Fenstern geht auf einen kleinen Garten.  Eine halboffene Küche unterstreicht die Häuslichkeit in jeder der 23 Wohnungen von De Hogeweyk.

 

Demente backen und spielen Bingo

In der Gemeinde Weesp, 20 Kilometer südöstlich von Amsterdam, liegt die Einrichtung, die zeigt, dass Wohnen und Pflege von Demenzkranken auch ganz anders geht. Alle 153 Patienten, die hier leben, sind schwer krank und haben einen Pflegebedarf von 24 Stunden pro Tag. Das ist die höchste Pflegestufe. Aber in De Hogeweyk leben sie so aktiv und so alltäglich wie möglich.

Verwirrte kaufen morgens im kleinen Supermarkt ein, den es in der Anlage gibt. Sie  schnippeln Gemüse, wenn man in der Wohngruppe das Mittagessen kocht. Sie amüsieren sich am Nachmittag in einem der 35 Clubs beim Karten- oder Bingospiel, bei Ausflügen, beim gemeinsamen Backen oder mit Musik. Sie gehen ins Theater und anschließend mit Angehörigen vielleicht noch ins Restaurant. Beides gibt es auf dem Gelände. Das alles tun sie so lange es geht. Denn wer hier einzieht, wird hier auch sterben.

 

Nach de De Hogeweyk pilgern Pflegemanager und Politiker vor allem auf der Suche nach Antwort auf die drängende Frage: Wie sollen wir mit unseren Demenzkranken umgehen?  1,4 Millionen Menschen sind heute in Deutschland an Demenz erkrankt. Die Zahl steigt, im Jahr 2050, so lauten die Prognosen, werden es in Deutschland drei Millionen sein.

 

Die niederländische Einrichtung, die noch am ehesten mit einem Wohnpark vergleichbar ist, wird oft irreführend als „Dorf“ bezeichnet. In Zeitungsartikeln ist vom „Demenzdorf“ die Rede oder vom „Dorf des Vergessens“. So genannte Experten kritisieren dann De Hogeweyk - nicht ganz frei von der Absicht, mit der eigenen Pflegeeinrichtung und dem eigenen Konzept gut dazustehen:  Ein Disneyland sei dort aufgebaut, das mit der Realität nichts zu tun habe, schimpft etwa Peter Michell-Auli, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Altershilfe. Andere warnen gar vor einem neuen „Ghetto“. Der Chef eines luxuriösen Pflegeheims in der Schweiz, Michael Schmieder, behauptet, die Pflege-Beziehungen in De Hogeweyk seien „auf einer Lüge aufgebaut“, so „wie wenn ich meine Frau betrüge.“

 

Eingangspforte mit Glastüren wie im Hotel

Viel Wirbel und schräge Vergleiche. Worauf beruht das holländische Modell tatsächlich? Als im Jahr 1993 das damals 20 Jahre alte, in einem sechsstöckigen Gebäude befindliche Alten- und Pflegeheim in Weesp saniert werden musste, stellten sich der damalige Chef und sein Team zwei naheliegende Fragen: „Wollen wir, dass unsere Eltern hier leben?“ Die Antwort war „Nein. „Wollen wir später selbst einmal hier leben?“ „Nein“. Die Schlussfolgerung, die sie daraus zogen: „Dann wollen wir etwas ändern, so lange, bis wir mit Ja antworten können.“  Seit über 20 Jahren wird in De Hogeweyk konsequent nach diesen beiden Leitfragen gedacht und gehandelt. Man riss das bisherige Heim ab und baute einen einfallsreichen Wohnpark für bewegungsfreudige Orientierungslose. Sie wohnen in ein- und zweistöckigen Häusern. Statt Mauern und Zäunen gibt es mit viel Grün gestaltete Innenhöfe und Gärten zwischen den flachen Bauten. Der äußere Häuserring ist so angelegt, dass das Gelände mit den Außenwänden der Häuser abgeschlossen wird. Wie in einem großen Hotel gibt es eine breite Auffahrt und eine Einganspforte mit Glastüren. Ein Rezeptionist bedient die Tore, so dass niemand unbesehen raus kann und die Sicherheit der Bewohner gewährleistet ist. De Hogeweyk bietet viel Freiheit in einem geschützten Raum für Menschen mit Demenz.

 

Welch unterschiedliche Gesichter diese Krankheit diese Krankheit in ihren verschiedenen Stadien hat, zeigt sich beim Rundgang: Eine alte Frau geht mit entschiedenem Blick sehr dicht auf die Besucher zu, sagt wieder und wieder „nei“, „nein“, klopft angriffslustig mit ihrem Stock aufs Klinkerpflaster. Eine andere sitzt auf einem der farbigen Stühle auf dem weiträumigen Theaterplatz, ihr Blick geht ins Nirgendwo. Ein alter Herr im roten Pullunder steht am Brunnen, staunt über das Wasserspiel wie ein Kind und lächelt. Auch Demenzkranke im Endstadium, die starr und verrenkt in ihrem Rollstuhl sitzen, werden nicht ins Abseits geschoben. Im „Mozartclub“ etwa, wo man sich trifft bei klassischer Musik, sind sie mit dabei im großen Kreis.

 

De Hogeweyk ist weder ein Disneyland noch sind die Bewohner besonders ausgewählte, leicht Erkrankte. Das macht die Pflegewissenschaftlerin Gabriele Ensink  deutlich: „Diese Menschen haben einen enorm hohen Pflegebedarf. Alle wären bei uns in geschlossenen Abteilungen, in geronto-psychiatrischen Einrichtungen.“  Die Pflegewissenschaftlerin vom Institut für Gerontologie in Heidelberg ist als Sachverständige und Gutachterin viel in deutschen Pflegeeinrichtungen unterwegs.

 

Das Besondere am Modell De Hogeweyk sind - neben der größeren Freiheit - die Wohngruppen für Menschen, die aus ähnlichen Lebenswelten stammen. Jeweils sechs von ihnen leben zusammen. Auch das wird De Hogeweyk zum Vorwurf gemacht: Die Bewohner würden nach sozialer Herkunft sortiert. Bessergestellte würden unter Kronleuchtern speisen, Arbeiterkinder säßen am Küchentisch.

 

Tatsächlich bekommt die niederländische Einrichtung ihr Geld exakt nach dem Pflegeaufwand des Bewohners und nicht nach seinem Rentenniveau. Alle Wohnungen sind mit 320 Quadratmetern gleich geräumig, jeder hat ein Einzelzimmer. Das Lebensstil-Konzept entwickelte maßgeblich Yvonne van Amerongen in den neunziger Jahren. „Alles wie zu Hause“, bringt die Sechzigjährige das Konzept auf den Punkt. Auf der Grundlage wissenschaftliche Studien wurden in den Niederlanden sieben Lebensstile definiert. Je nach kulturellem Hintergrund sind in den Wohngruppen nicht nur die Tapeten an der Wand unterschiedlich, sondern vor allem auch das Essen, das Musik- und Fernsehprogramm und die Tagesrhythmen. Der ehemalige Handwerker ist gewohnt, dass es um zwölf Uhr Mittagessen gibt, gerne mit viel Fleisch und Kartoffeln. Er hört lieber Schlager und Volksmusik als Beethoven. Die frühere Großstädterin geht auch heute noch nach einem späten Frühstück lieber bummeln als in die Küche. Dafür wird in ihrer Wohngruppe auch mal ein Couscous gekocht. Einer Frau aus dem Handwerker-Milieu würde das nicht schmecken und sie vielleicht noch mehr verwirren. In den Wohngruppen für Menschen aus den ehemaligen Kolonien in Indonesien gibt es viermal am Tag warmes Essen mit Reis, so wie sie es von zu Hause kennen. Die Heizung in ihren Räumen stellen sie höher ein, weil man gerne barfuß geht.

 

Weniger Streit in der Wohngruppe

Eine Wohngruppe ist wie eine Familie. Es passt besser, wenn alle in der gleichen Art und Weise leben. Das bestätigt auch Pflegewissenschaftlerin Ensink: „Wenn man Menschen mit völlig unterschiedlichen Lebensstilen zusammenleben lässt, führt das schnell zu Konflikten.“ Vermutlich weil sie weniger Streit und Stress miteinander haben und viel mehr an der frischen Luft sind, kommt man in De Hogeweyk mit weniger Medikamenten aus: 14 Prozent der Bewohner bekommen Psychopharmaka verschrieben. Vor zwanzig Jahren, vor der Umgestaltung, waren es noch über fünfzig Prozent.

 

Ist das holländische Modell übertragbar auf deutsche Verhältnisse? Was und wie man für Pflege zahlt, ist in beiden Ländern unterschiedlich. De Hogeweyk bekommt so viel wie jedes andere holländische Heim in solchen Fällen auch: 5 000 Euro pro Monat. Kommen neben fortgeschrittener Demenz schwere psychiatrische Diagnosen hinzu, sind es 5 500 Euro. Obwohl das als hohe Summe erscheint, reicht es nicht für die aufwendige Betreuung und außergewöhnlich vielfältige Infrastruktur. Bei Fonds und Stiftungen bittet De Hogeweyk deshalb regelmäßig um Spenden. Und die Vermietung des Theatersaals oder des Restaurants als Ort für Veranstaltungen von Firmen oder Gruppen aus der Umgebung soll  zusätzliches Geld in die Kasse bringen.

 

Arm sieht im Vergleich dazu jedoch fast jedes deutsche Heim aus. 1 550 Euro zahlt die Pflegeversicherung pro Monat für einen Bewohner mit der höchsten Pflegestufe 3. In Deutschland muss Pflege möglichst billig sein. Aber unter

3 000 Euro ist auch bei uns vollstationäre Pflege kaum möglich. Reicht die Rente nicht, werden die erwachsenen Kinder zur Kasse gebeten oder das Sozialamt muss einspringen. In Holland zahlt die Familie niemals für Pflege. 

 

Nicht nur bei der Finanzierung, auch beim Personal gibt es große Unterschiede zwischen den Niederlanden und Deutschland. Spricht man mit deutschen Heimleitern, die De Hogeweyk besuchten, fragen sie sofort: „Woher bekomme ich das Personal?“ Oft müssen sie mit schlecht bezahlten, gering qualifizierten und chronisch überlasteten Pflegern arbeiten. In den Niederlanden dagegen sind die Fachkräfte therapeutisch und psychologisch gut ausgebildet, was den alten Leuten zugute kommt. Auch in Vollzeit arbeitet man im Pflegeberuf nur 36 Stunden und bekommt einen Steuerbonus.

 

Wohngruppe mit nur sechs Personen wie in De Hogeweyk wird es in Deutschland in absehbarer Zeit nicht geben. Mindestens zwölf Bewohner müssen es sein, um Leistungen von den Kassen zu erhalten. Immerhin wird in Deutschland jetzt darüber gesprochen, dass Demenz-Einrichtungen einen Zugang zu Gärten und Parkanlagen nachweisen sollen, in denen die Bewohner selbständig unterwegs sein können. Das wäre ein Anfang. Für wirkliche Änderungen aber bräuchte es mehr. Vor allem die ehrliche und konsequente Antwort auf die Frage „Möchte ich später einmal in diesem Heim leben?“ Doch meistens zählt anderes. Eloy van Hal, einer der drei Manager von De Hogeweyk sieht das so: „Die Deutschen sind bestimmt von Vorschriften.“ Dazu lächelt er diplomatisch und erklärt: „Man muss sich trauen, anders zu denken. Für Freiheit muss man mal was wagen.“

 

Publik Forum Nr. 8                                       25. April 2014